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: Dornröschen, hilf!

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Auch Gabriel García Márquez war einst ein armer Poet. Anfang bis Mitte der sechziger Jahre konnte der spätere Großmeister des "Magischen Realismus" von seiner Kunst kaum leben. Nur zehn Prozent vom Gesamtpreis eines Buches gingen an den Schriftsteller, klagte er damals und erging sich in einer "melodramatischen" Deutung der Autorenexistenz.

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          Auch Gabriel García Márquez war einst ein armer Poet. Anfang bis Mitte der sechziger Jahre konnte der spätere Großmeister des "Magischen Realismus" von seiner Kunst kaum leben. Nur zehn Prozent vom Gesamtpreis eines Buches gingen an den Schriftsteller, klagte er damals und erging sich in einer "melodramatischen" Deutung der Autorenexistenz. "Schriftsteller", notierte García Márquez, "ist man einfach, wie man Jude oder Schwarzer ist." Und weil man seiner Haut und damit den Lebensumständen nicht entfliehen kann, bot ihm der Journalismus die Gelegenheit, sich etwas dazuzuverdienen. Das schien in jener Zeit bitter nötig: Augenzwinkernd rechnete sich García Márquez jenen Schriftstellern zu, deren Arbeit nicht sonderlich ergiebig ist, jedenfalls nicht unter quantitativen Gesichtspunkten. Solche Autoren, fährt García Márquez fort, veröffentlichten nur alle zwei Jahre ein Buch. Dafür aber rauchten sie umso mehr: nämlich neunundzwanzigtausendzweihundert Zigaretten in zwei Jahren, wie der Autor offenbar auf Grundlage des eigenen Konsums errechnete. Die Rechnung beweist, dass der Autor einen Blick für Details wie für Hintergründe hat. Die Ergebnisse des konzentrierten Beobachtens sind jetzt unter dem Titel "Dornröschens Flugzeug. Journalistische Arbeiten 1961 - 1984" erschienen.

          Dornröschen, das ist eine junge Frau neben ihm im Flugzeug, auf der Strecke von Paris nach New York: Schön ist sie, aber auch müde, darum die meiste Zeit schlafend, was dem von Flugangst Geplagten Gelegenheit gibt, sie wieder und wieder anzuschauen und seine Furcht darüber zu vergessen. Zumindest auf diesem Flug. Denn García Márquez fliegt viel, und immer wieder plagt ihn die Angst. Immer wieder neu sind auch die Strategien, die er sich verordnet. Als da, auszugsweise, wären: Sex; verharren in der Bordtoilette; ins Cockpit steigen und den Piloten bei der Arbeit zuschauen und dort erfahren, dass auch ihnen beim Fliegen mulmig ist. Allesamt raffinierte Methoden, doch am Ende bleibt das Unbehagen.

          Immerhin, die Flugzeuge bringen den Autor in die Welt, auch wenn er das Privileg nicht immer nutzen mag. In Francos Spanien, hatte sich der Autor schon als Schüler vorgenommen, werde er nie einen Fuß setzen - und so weigerte er sich 1955, das Flugzeug bei einer Zwischenlandung zu verlassen. Zwölf Jahre später betrat er, mit anderen, offenbar besseren Argumenten im Kopf, das Land dann doch. Ortskenntnis, erfährt er dort, sichert nicht vor der Verführung durch den Mythos. Die Felder von Soria empfindet er als so karg, wie Antonio Machado sie beschrieben hat. In Granada begibt er sich auf die Spurensuche nach Lorcas Zigeunermädchen. Und in Cádiz hängt er Spaniens ultramarinen Abenteuern nach. Auch in Bangkok gibt er sich 1982 literarischen Träumen hin, durchstreift die Stadt in Erinnerung an die jugendliche Lektüre eines Romans über "Anna und den König von Siam". Aber dann bricht die Realität sich Bahn, und der Dichter kann den Verkehr, den Schmutz und die Prostitution nicht länger ignorieren. Und doch: Gerade weil sie so schmutzig ist, reizt ihn die Stadt.

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