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: Dornröschen, hilf!

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Den Reizen spürt der Journalist, der unverkennbar auch Schriftsteller ist, an allen erdenklichen Orten nach: Am Flughafen von Paramaribo, der Hauptstadt Surinams, ist ihm eine junge, hochschwangere Schwarze, die rauchend und bunt gewandet auf einem Hocker sitzt, das Inbild der Karibik. Ein knappes Vierteljahrhundert später, 1981, tröstet er sich am selben, offenbar nüchterner wirkenden Ort mit dem Gedanken, dass die magische Welt sich niemals unterkriegen lasse - jenen Pflanzen gleich, die unter Betondecken so lange wuchern, bis sie diese irgendwann durchstoßen.

Doch die exotistischen Anflüge bilden zuletzt nur den pittoresken Mehrwert der Reisen. Im Zweifel interessiert sich García Márquez für die Wirklichkeit, zumal die politische. Der Bürgerkrieg in El Salvador bestehe nicht aus drei, sondern nur aus zwei Fronten, korrigiert er im Januar 1981 die Einschätzung des damaligen amerikanischen Präsidentschaftsanwärters Ronald Reagan. Der sah in dem Land die damalige Militärdiktatur, die rechtsextremen Paramilitärs und die revolutionären Kräfte am Werk - eine Fehleinschätzung, kommentierte García Márquez, der nur eine Kampflinie erkennen konnte: die zwischen der Feudalaristokratie und deren Gegnern. Es bedurfte nicht viel Phantasie, um die zumindest indirekte Intervention Amerikas in den Konflikt vorherzusagen.

Überhaupt der lateinamerikanische Hinterhof: Wie die Vereinigten Staaten, aber auch die Briten dort ihre Vorstellungen von Ordnung durchsetzten, beschreibt García Márquez anhand mehrerer Beispiele. Wiederholt argumentiert er gegen eine unter anderen Vorzeichen auch heute gepflegte Missdeutung regional begrenzter Kriege: die Ansicht, diese seien nicht auf ihre lokalen, meist konkreten Ursachen zurückzuführen, sondern vor allem Ausdruck ideologischer Konkurrenzen auf globalem Niveau. Aus einer solchen Perspektive konnten die Kriege in Mittel- und die Diktaturen in Südamerika kaum etwas anderes sein als Varianten des Kalten Krieges, Stellvertreterkriege zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Wie sich gegen diese Wahrnehmung die Kenntnis der jeweiligen Regionalgeschichte ins Feld führen lässt, demonstriert García Márquez anhand mehrerer historischer Kommentare zu den Schlachtfeldern jener Zeit.

Doch auch in Lateinamerika verliefen die Fronten oft verquer. García Márquez kommentiert dies am Beispiel des Malwinenkriegs, in dem die argentinischen Militärs ihre Soldaten verheizten. Die jungen Männer, oft kaum ausgebildet und nur mit dem Nötigsten versorgt, wurden nicht nur Opfer ihrer britischen Gegner, sondern auch der Kälte. Zusammen mit den Tennisschuhen, in denen die Soldaten bei minus 30 Grad kämpften, berichtet García Márquez, musste man den Verstorbenen auch die gefrorene Haut von den Füßen ziehen. Es sind harte Fakten, die García Márquez berichtet. Am Schluss der Lektüre versteht man darum, warum Mythos und Magie am Ende unverzichtbar sind.

KERSTEN KNIPP

Gabriel García Márquez: "Dornröschens Flugzeug". Journalistische Arbeiten von 1961 bis 1984. Aus dem Spanischen von Svenja Becker, Astrid Böhringer, Lisa Grüneisen, Silke Kleemann und Ingeborg Schmutte. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 697 S., geb., 34,95 [Euro].

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