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Dominik Perler: Transformationen der Gefühle : Im Labyrinth der Gefühle

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Bild: Verlag

Wie wir Emotionen verstehen sollen, das zeigt kein Hirnscan: Dominik Perler leistet mit einer umfangreichen Studie Aufklärungsarbeit mit Rückgriff auf die Philosophiegeschichte.

          5 Min.

          Emotionen sind mittlerweile zu einer der wichtigsten Relaisstelle zwischen Erfahrung und Verstand, zwischen Affekt und regulierender Vernunft avanciert. Emsig wird untersucht, welche Rolle sie bei der Bildung individueller und kollektiver Identität, bei der Strukturierung des Gedächtnisses, bei unserem Handeln und auch in Religion und Ethik spielen. Emotionen geben demnach unserer Identität Plastizität, kolorieren unser Weltbild und bestimmen den Grundton unserer Gestimmtheit - kurzum, sie sind verantwortlich für unser jeweiliges In-der-Welt-sein.

          Nun sind Emotionen zugleich nur schwer fassliche Größen, flüchtige private Zustände, auf die das Subjekt allein einen privilegierten Zugriff zu haben scheint und die sich der für ihre wissenschaftliche Behandlung unerlässlichen Objektivierbarkeit entziehen. Gerade aus diesem misslichen Umstand erklärt sich zum Großteil die Euphorie, mit der in den letzten Jahrzehnten der Fortschritt bildgebender Verfahren in den Neurowissenschaften begrüßt wurde: als Mittel des empirischen Zugriffs auf Emotionen und damit zugleich der Schleifung einer der letzten Hochburgen der deutenden Geisteswissenschaften. Letzteres darf allerdings bezweifelt werden. Denn selbst die suggestivsten neurowissenschaftlichen Darstellungen lassen die grundlegenden Fragen nach ontologischem Status, epistemischer Struktur und kategorialer Beschaffenheit von Gefühlen offen. Das hat bereits Wittgenstein gesehen, als er seinen frühen Absolutismus der wissenschaftlich-referentiellen Sprache verwarf und der Rede über intentionale Zustände einen eigenen Sprachspielkosmos mit spezifischen Regeln zuwies - in denen es nicht um Messung und Verifikation, sondern um das Sich-Fühlen und Sich-Verhalten aufgrund von emotiven Zuständen geht.

          Eine untergegangene und fremde Welt

          Dominik Perlers groß angelegte Studie über die Entwicklung der Emotionstheorien vom Hochmittelalter bis zum Ende des siebzehnten Jahrhunderts, also von Thomas von Aquin bis Baruch deSpinoza, kann als eine philosophiehistorische Streitschrift für diese These gelesen werden. Darüber hinaus formuliert der Berliner Philosophiehistoriker aus der geschichtlichen Tiefenschau eine unpolemische, aber unüberhörbare Warnung vor überzogenen Erwartungen und vorschnelle Selbstgewissheiten der gegenwärtigen Emotionsforschung. Dazu greift er zu einem Stilmittel, das in den großen Darstellungen der Historiographie noch niemals seine Wirkung verfehlt hat: Er lässt eine untergegangene und fremde Welt wiederauferstehen und macht Gedankengänge plausibel, deren Gehalt und Voraussetzungen bei heutigen Wissenschaftlern kaum mehr als Kopfschütteln hervorrufen dürften. Am Ende aber entdeckt der Leser, dass die Alten durchaus in der Lage waren, ebenso klug zu denken wie wir und Ordnungssysteme zu ersinnen, die es an Gedankenschärfe und logischer Stringenz locker mit der heutigen Wissenschaft aufnehmen können.

          Perler führt den Leser geduldig in die Gedankenwelt von fünf herausragenden Autoren ein, die schulbildend gewirkt haben und unstrittig zum Kanon der abendländischen Philosophiegeschichte zählen. Den Auftakt macht die Emotionstheorie des Thomas von Aquin, dem bis heute einflussreichsten katholischen Theologen. Behutsam legt Perler in Thomas' „Summa“ die Schichten der von Aristoteles überkommenen hylemorphistischen Weltsicht frei, in der die sinnlichen Wahrnehmungen erst durch die formgebenden Akte der Seele und des Intellekts ihre je eigene Qualität erhalten und dadurch zu spezifischen Emotionen werden, die entsprechende Reaktionen hervorrufen. Emotionen sind für Thomas keine „Wirkursachen“, sondern durch sinnliche Wahrnehmungen und Affektationen erzeugte stoffliche Gegebenheiten, die durch Akte der Erkenntnis als Emotionen qualifiziert werden und zu entsprechendem Handeln anleiten.

          Die Instanz der Sinnlichkeit

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