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Dominik Perler: Transformationen der Gefühle : Im Labyrinth der Gefühle

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Auch die Thomas-Kritiker Duns Scotus und William von Ockham sind dem aristotelischen Erbe verpflichtet, für Perler aber vor allem als Zeugen für die Subtilität und den Reichtum der mittelalterlichen Diskussionskultur wichtig. Während Thomas an der Bindung von Emotionen an die Instanz der Sinnlichkeit festhielt, betonen Scotus und Ockham besonders den vom Aquinaten vernachlässigten kognitiven Aspekt von Gefühlen. Angesichts der vom Schöpfer gewährten Willensfreiheit können nämlich Emotionen ebenso gut wie von der Sinnlichkeit auch durch die Betätigung des menschlichen Willens oder kognitive Akte hervorgerufen werden. Besonders augenfällig wird dies bei dem Gefühl der Freude über die Schau Gottes nach der Wiederauferstehung (fruitio), die theologisch zentral, aber, so Perler, im thomistischen Modell nicht befriedigend zu erklären ist.

In den „Essais“ Michel de Montaignes zeigt sich für Perler ein radikaler metaphysischer Bruch mit den mittelalterlichen Emotionstheorien an. Der Skeptiker Montaigne verweigert nämlich strikt jede Theoretisierung und Systematisierung seiner Befunde. Er ist ein weltkluger, aber desillusionierter Beobachter der Wirkungen von Emotionen, hat aber den Glauben an die Geltung einer universalen, von einem Schöpfergott garantierten und vom menschlichen Verstand erfassbaren Logik der Emotionen und der Seelenkräfte verloren. Montaignes Essais markieren für Perler den Weg zu einer Philosophie der Emotionen als materialer Wirkursachen für die Erzeugung mentaler Bilder. Emotionen werden nun in das Denken der Repräsentation eingefügt, ohne jedoch darin recht aufgehen zu können, wie Perler an den Beispielen von René Descartes und Baruch de Spinoza zeigt. Mit Blick auf die Emotionen mutiert Descartes' Zweisubstanzen-Dualismus alsbald zu einem „Trialismus“, denn ohne Annahme einer „vermittelnden Instanz“ lässt sich im cartesianischen System die Auffassung der Emotion als situationsangemessener Repräsentationen einer res extensa in der res cogitans kaum erklären. An Spinozas Monismus interessiert Perler weniger dessen Descartes-kritische Motivation, sondern die unüberwindlich scheinenden logischen Probleme, die entstehen, wenn der spinozistische Nezessitarismus - also die Unmöglichkeit, das Weltgeschehen durch Willensakte zu beeinflussen - mit der in der Ethik in Aussicht gestellten Anleitung für die Führung eines gelingenden, glückliches Leben zu verbinden ist.

Ein Beleg für die Wichtigkeit der Philosophiegeschichte

Ob Perlers Analysen vor dem kritischen Auge des Fachgelehrten bestehen können, muss wohl durch geduldige Philologie geklärt werden. Der Autor hat sich durch eine zuweilen etwas schulmäßig wirkende und redundante Diskussion von Textnuancen sowie der Sekundärliteratur gegen Kritik zu wappnen gesucht. Wichtiger als das philosophiehistorische Detail wiegt aber, dass Perler ein eindrucksvolles Tableau vormoderner Emotionstheorien geglückt ist, das die Lektüre zu mehr als nur einem gelehrten Vergnügen macht. Zahlreiche und immer treffsichere Verweise auf heutige Debatten zeigen dem Leser, dass heutige Theorien ebenso stark von metaphysischen Rahmenbedingungen, epistemologischen Grundannahmen und methodischen Vorentscheidungen abhängen wie jene der Alten. So dass also der selbstbewussten Rede vom Erkenntnis- und Methodenfortschritt heutiger Forschung mit einiger Vorsicht begegnet werden darf.

Perlers großartige Studie ist ein überzeugender Beleg für die Wichtigkeit der Philosophiegeschichte (die bekanntlich mit dem Siegeszug der Analytischen Philosophie einen schweren Stand hat). Sie gibt zudem den Kritikern neurophysiologisch-reduktionistischer Emotionsforschung ein wichtiges Argument an die Hand: Bei allen Unterschieden im „Theoriedesign“ ist den fünf vorgestellten Autoren eine ethische Grundidee gemeinsam, nämlich die Hoffnung, durch eine verständige Zügelung der Emotionen ein gutes Leben zu ermöglichen, sei es nun der Gottebenbildlichkeit verpflichtet oder - im Zeitalter der zweifelhaft gewordenen Heilsgewissheit des Nachmittelalters - dem Ideal der stoischen Ataraxie. Perlers Darstellung lässt uns erkennen, dass diese im wahrsten Sinne philosophische Absicht der Alten in der heutigen Emotionsforschung verlorenzugehen droht - sicherlich sehr zu unserem Schaden.

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