https://www.faz.net/-gr3-45eh

: Doenitz at Nuremberg: A Re-Appraisal

  • Aktualisiert am

Selbst die zeitgeschichtlich interessiertesten und engagiertesten Leser haben nie von ihm gehört: Es ist das unbekannteste Buch der Welt. Überflüssig zu sagen, daß es seit Jahren vergriffen ist. Und es ist nicht nur das unbekannteste, sondern auch das gefährlichste: Sein Thema ist die Verurteilung des ...

          Selbst die zeitgeschichtlich interessiertesten und engagiertesten Leser haben nie von ihm gehört: Es ist das unbekannteste Buch der Welt. Überflüssig zu sagen, daß es seit Jahren vergriffen ist. Und es ist nicht nur das unbekannteste, sondern auch das gefährlichste: Sein Thema ist die Verurteilung des Großadmirals Karl Dönitz zu zehn Jahren Haft durch das Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal.

          Etwa vierhundert Stimmen zu diesem sensibelsten aller Fälle haben die Herausgeber H. K. Thompson und Henry Strutz gesammelt. Es ist vor allem die militärische Elite der Vereinigten Staaten und der Welt, die in diesem Buch Stellung nimmt, aber man erfährt auch, warum John F. Kennedy zu den entschiedensten Kritikern der Nürnberger Prozesse gehörte. Und hier liegt die eigentliche Provokation dieses Bandes: Nicht ressentimentgeladene Deutsche sind es, die die Schuld nachträglich auf- und schönrechnen. Die höchsten Offiziere aus den Reihen der Kriegsgegner und der Neutralen ergreifen für Dönitz, den verurteilten Feind, das Wort. Admiral Stark, der im Zweiten Weltkrieg die Marineoperationen im Atlantik leitete und damit der direkte Gegenspieler von Dönitz war, drückt sich vorsichtig aus, wenn er schreibt: "Ich bin mir nicht sicher, ob es eine rechtliche Grundlage für Kriegsverbrecher-Verfahren gegen Männer gab, die ehrenhaft für ihr Land gekämpft haben." Die meisten der anderen aus der Admiralität und Generalität Amerikas und Großbritanniens sprechen von einem "Zerrbild" (travesty) eines rechtsstaatlichen Prozesses und machen die "Hysterie" der ersten Nachkriegszeit verantwortlich. Überraschend viele unter den Beiträgern rühmen das militärische Genie des Großadmirals. Manche, wie William Langer, Gouverneur von North Dakota, schrieben persönliche Botschaften: "Ich war immer der Meinung, und bin es auch heute, daß Sie in der Hitze des Augenblicks unfair behandelt wurden." Der Dichter T. S. Eliot erinnert an die Kriegsverbrechen in Katyn - die Täter waren die Sowjets, die über Dönitz mit zu Gericht saßen. Lord Chatfield, britischer Flottenadmiral und Mitglied des Kriegskabinetts, erwähnt die Atombomben auf Japan: "Die Alliierten waren alles andere als schuldlos."

          Bewegend in ihrer Vergeblichkeit sind die Glückwünsche des Vizeadmirals John F. Shafroth zur Freilassung von Dönitz 1956: Er hoffe, daß diesem nun die Zuneigung und die Ehrungen jenes Landes zuteil würden, dem er so loyal gedient habe. Ein Hinweis an die Intellektuellen: nicht ihr seid die ewigen, unbedingten Hüter von Einsicht und Humanität. Manchmal können es auch Generäle sein.

          Lorenz Jäger.

          "Doenitz at Nuremberg: A Re-Appraisal. War crimes and the military profession". Amber Publishing Company 1976. 198 Seiten.

          Weitere Themen

          Nur eine Kette aus Blöcken

          Aus dem Maschinenraum : Nur eine Kette aus Blöcken

          Gefeiert und tief gefallen: die Blockchain. Sie galt als die Technik, die der deutschen Wirtschaft große Zukunftschancen bringen sollte. Doch was ist aus ihr geworden?

          Keiner mag Weihnachten

          Kinocharts : Keiner mag Weihnachten

          Ohne Animationen geht es derzeit nicht in den Kinocharts: Niedliche und weniger niedliche Geschöpfe rangeln dort um die ersten Plätze.

          Topmeldungen

          Macron und die Gelbwesten : Der ratlose Präsident

          Mit einer Rede im Fernsehen will Emmanuel Macron die „Gelbwesten“ besänftigen und mit „starken Maßnahmen auf die augenblickliche Wut antworten“. Die Hektik, mit der er vorgeht, zeigt, wie verunsichert er ist.

          Nach EuGH-Entscheidung : EU schließt Brexit-Nachverhandlung aus

          Die EU-Kommission macht abermals klar, dass sich ihre Position hinsichtlich des Trennungsvertrags nicht geändert habe. Der Gerichtshof der Europäischen Union hatte vorher den Gegnern des Brexit Hoffnung gemacht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.