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„Discovery of Witchcraft“ : In diesem Buch steht, wie man die Wahrheit in die Gaukeltasche steckt

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Zaubern lernen, diesseits von Harry Potter und weder hinter Schloß noch Riegel: Wegweisungen eines Sammlers alter Tricks

          Hört der Laie oder der Harry-Potter-Liebhaber von Zauberbüchern, dann denkt er unwillkürlich an dicke, in Leder gebundene Folianten, die mit Schloß und Riegel vor dem Verrat der in ihnen bewahrten esoterisch-magischen Geheimnisse geschützt sind. Diese Vorstellung geht vermutlich auf das Mittelalter zurück. Als das Lesen noch eine Kunst war, auf die sich nur ein kleiner Kreis von "Auserwählten" verstand, war es naheliegend, daß man hinter Büchern mitunter Geheimnisse vermutete, die den Kundigen als Quelle vermeintlich höherer Erkenntnisse dienten. Der englische Zauberkünstler und Autor Will Goldston, der von 1878 bis 1948 lebte, hat die Idee vom Zauberbuch als einem verbotenen Almanach noch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts aufgegriffen, als er den Anreiz zum Kauf seiner Werke dadurch zu steigern versuchte, daß er sie mit einem Schloß versah und so mit der Aura des besonders Mysteriösen umgab. Tatsächlich kann man solche Schlösser auch heute gelegentlich noch bei Kinderzauberbüchern finden. Daß der Geheimnisschutz durch mechanische Verschlüsse historisch der Realität entbehrt, ist der Phantasie offenbar nicht abträglich.

          Anders als für den Laien ist für den Zauberkünstler das Zauberbuch nicht mit esoterischen oder gar okkulten Assoziationen verbunden. Vielmehr versteht er es vornehmlich als Quelle von tricktechnischem Wissen. Dieses Wissen ermöglicht es ihm, die Überwindung der Naturgesetze zu simulieren, allerdings ausschließlich mit den Mitteln der Täuschung. Zauberer sind keine Hexer, sondern Illusionskünstler. Sie lassen Gegenstände zwar erscheinen und verschwinden, heben die Schwerkraft auf und stellen heillos Zerstörtes auf scheinbar magische Weise wieder her. All dies tun sie aber ohne übernatürliche Fähigkeiten. Sie vermitteln vielmehr lediglich einen Schein. Tatsächlich geschieht das Unmögliche nämlich allein in den Köpfen ihrer Zuschauer, die dadurch unterhalten und, so es gelingt, zum Nachdenken angeregt werden sollen.

          Zauberkunststücke bestehen also aus einem Effekt und einer Methode. Der Effekt ist das, was der Zuschauer zu sehen glaubt und was eigentlich unvereinbar ist mit seiner Erfahrung vom Funktionieren der Welt. Die Methode dagegen ist das Geheimnis hinter dem Effekt, der Trick, der ihn ermöglicht. Obschon die Anzahl der Effekte begrenzt ist - und zwar ebenso wie die Anzahl der Naturgesetze -, sind die Methoden zu ihrer Erzielung unerschöpflich. Der englische Ingenieur und Amateurzauberer Jack Potter hat in den Jahren von 1967 bis 1975 in einem vierzehnbändigen "Master-Index to Magic in Print" die Fundstellen aller methodischen Tricks zusammengestellt, die er der englischen Zauberliteratur seit dem späten sechzehnten Jahrhundert entnehmen konnte. Überflüssig, zu betonen, daß sein Monumentalwerk unvollständig blieb und von der rasenden Entwicklung immer neuer Techniken inzwischen mehrfach überholt wurde. Mit seinen fast siebzig Regalzentimetern symbolisiert es jedoch nicht nur die endlose Vielfalt magischer Methoden. Er belegt vielmehr auch die These, daß das wichtigste Medium der Vermittlung zauberischen Wissens neben der mündlichen Überlieferung das Buch ist. Das Zauberbuch ist eine Handreichung, die technische, schauspielerische, psychologische und pädagogische Kenntnisse über die durch Unterhaltungsabsicht motivierte Täuschung vermittelt. Zauberbücher enthalten in der Tat Geheimnisse, die einem breiten Publikum meist durch kleine Auflagen und besondere Vertriebskanäle vorenthalten werden. Dieser Geheimnisschutz dient jedoch nicht zur Abschottung eines Kreises von vermeintlich "Eingeweihten", sondern ausschließlich einem artistischen Interesse, nämlich der Illusion der Zuschauer.

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