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Digitales Profil : Leben mit dem Datenschatten

Bild: Verlag

Wie aus den Spuren, die immer mehr unserer Tätigkeiten im Netz hinterlassen, Profit geschlagen wird: Frank Rieger und Constanze Kurz haben einen Führer durch das digitale Labyrinth geschrieben. Einen Besseren wird man so leicht nicht finden.

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          Technik und Wissenschaft, heißt es, hätten die Welt entzaubert, aber man kann auch zu dem Schluss gelangen, dass sich mit dem technischen Fortschritt eine neue Art des Unheimlichen über sie gelegt hat. Man spricht gern von technischer Magie, muss es jedoch nicht Verzauberung nennen. Es ist kein verlockendes, eher ein diffuses und gespenstisches Gefühl, das sich einstellt. Es äußert sich am stärksten dann, wenn maschinelle Leistungskraft dem eigenen Vermögen in Bereichen voraus ist, die man zum engeren Kern der Persönlichkeit rechnet. Wenn Taschenrechner eine bestimmte Art logischen Denkens abnehmen, ist das relativ leicht zu verschmerzen. Wenn aber Algorithmen in Urteil- und Geschmacksbildung eingreifen, wenn sie besser wissen, welches Lied man jetzt gerade hören möchte oder welches Buch man sich als nächstes bestellen sollte, und wenn Fremde Wissen über die eigene Person erlangen, dessen Quellen man nicht kennt und das mit unvermuteten Effekten und in unerwarteten Situationen hervortritt, dann äußert sich das als eine neue Form von prometheischer Scham: die Erfahrung, dass uns nur noch eine fiktive Autonomie bleibt, die von technischen Verfahren unsichtbar kanalisiert wird.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Fast alle Bereiche unseres Alltagslebens sind mittlerweile von Computertechnik durchdrungen, und weil das Speichern immer billiger wird und die Speicherkapazität ins Unabsehbare wächst, hinterlassen fast alle unsere Tätigkeiten eine digitale Spur. Ein unablässiges Sammeln und Kategorisieren von Daten, das ein immer feineres digitales Raster über unsere Person legt, ist im Gange. Am Horizont steht eine Art digitaler Lebensberater, dessen auf Datenhochrechnungen gestützte Vorschläge sich auf wunderbare Weise mit unseren Selbsteinschätzungen treffen. In den Worten von Googles Geschäftsführer Eric Schmidt: "Ich glaube, die meisten Leute wollen nicht, dass Google ihre Fragen beantwortet. Sie wollen, dass Google ihnen sagt, was sie als Nächstes tun sollen." Es ist einer jener Kurzschlüsse, wie man sie oft von Leuten hört, die ein geschäftliches Interesse daran haben, dass Menschen ihren Verstand delegieren.

          Daten als neue Währung

          Constanze Kurz und Frank Rieger, beide profilierte Technikpublizisten, beide Sprecher des Chaos Computer Clubs und regelmäßige Autoren im Feuilleton dieser Zeitung, haben jetzt ein Buch vorgelegt, das dieser Aufgabe des Denkens den Kampf ansagt. Einen besseren Führer durch das digitale Labyrinth wird man so leicht nicht finden. Was Rieger und Kurz heraushebt, ist die Synthese von technischem Sachverstand, sprachlicher Treffsicherheit und einer humanistisch grundierten Skepsis im Umgang mit technischen Apparaten, die nicht in Larmoyanz umschlägt. Dazu kommt eine Resistenz gegenüber den handelsüblichen Phrasen.

          Die libertäre Netzutopie der Gründerzeit ist ausgehöhlt. Es ist kein Geheimnis, dass der gärende Untergrund der digitalen Sammelwut ökonomische Interessen sind. Wenn man von Daten als einer neuen Währung spricht, hat das einen sehr konkreten Sinn. Informationen müssen zu Geld werden, um die Gratisökonomie, die sich im Netz etabliert hat, am Laufen zu halten. Datensätze werden zur Handelsware, unter der Hand an Dritte weitergegeben, verkauft oder meistbietend versteigert. Je freizügiger eine Person mit ihrem Privatleben ist, desto höher steigt ihr Handelswert.

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