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Dieter Otten: Die 50+ Studie : Keiner braucht sich alt zu fühlen

  • -Aktualisiert am

Bild: Rowohlt

Wie geht es der „Generation 50 plus“? Wie werden die sogenannten Achtundsechziger älter? Der Soziologe Dieter Otten hat dazu eine Erhebung durchgeführt, die zeigt, dass unsere Vorstellungen vom Alter in Umwälzung begriffen sind.

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          Arm, krank und alt war gestern – die Generation „50 plus“ startet durch. Älterwerden kommt in Mode. Eine Flut von Publikationen, Ratgebern und Themen- Schwerpunkten beschäftigt sich intensiv mit dem „Alter“. Viel wissen wir nicht, aber wir kennen die berühmte Bevölkerungspyramide und viele Zahlen.

          Die über Fünfzigjährigen kommen in die Jahre. Das hat damit zu tun, dass die geburtenstarken „Millionenjahrgänge“ der Nachkriegszeit älter werden und ihnen wegen des Pillenknicks von 1965 an nur noch deutlich schwächere Jahrgänge folgen. Diese also eigentlich lange bekannte Schieflage manövriert unser Sozialsystem unaufhaltsam in die finanzielle Katastrophe. Das ist zwar besorgniserregend, doch werden darüber viele positive Aspekte vergessen. Noch ängstigen uns allerdings vor allem diese Fragen: Was passiert mit einer Gesellschaft, in der ältere und alte Menschen die Mehrheit bilden? Wird sich unser Land in ein einziges großes Altenheim verwandeln? Werden wir in einer Rentnerdemokratie leben? Gehen die Alten gar auf die Barrikaden, wie sie es 1968 schon einmal getan haben?

          Altern einer Protestgeneration

          Ein Forscherteam um den Soziologen Dieter Otten von der Universität Osnabrück führt seit 2008 per Internet eine langfristig angelegte Befragung unter den heute fünfzig- bis siebzigjährigen Deutschen durch (www.die50plusstudie.de). Sie wollten herausfinden, wie diese Generation der Achtundsechziger, die den Wertewandel in der deutschen Nachkriegsgesellschaft herbeigeführt hat, älter wird. Was bleibt übrig von einer Protestgeneration, die in der Frauen-, Öko-, Anti-Atomkraft- und Friedensbewegung aktiv gewesen ist? Welche Spuren der bewegten frühen Jahre bleiben im vorgerückten Alter noch sichtbar?

          Denn klar ist: Sowohl der medizinische Fortschritt als auch ein gesundheitsbewusster Lebensstil führen zu einer immer weiter steigenden Lebenserwartung bei Frauen wie Männern und dehnen die nachelterliche, erwerbslose und beschwerdefreie Phase auf fünfzehn bis zwanzig Jahre aus. Wie wir uns die Gestaltung dieser gewonnenen Jahre vorstellen müssen, deutet das Ergebnis dieser Studie an: Wir müssen uns das ältere Ehepaar nicht verarmt, aber auch nicht übermäßig reich, dafür immerhin eher gesund als krank vorstellen. Es ist sehr mobil, hat mindestens ein Auto und zieht die Bildungsreise dem klassischen Urlaub vor.

          Sinn für Freundschaften

          Die, die nicht mehr im Job stehen, würden gerne stressfrei weiterarbeiten oder sich ehrenamtlich engagieren. Die Freizeit wird am liebsten zu Hause und im Garten verbracht. Das klingt langweilig, ist es aber nicht. Nach wie vor geht auch die Generation „50 plus“ gerne aus – Party, Musik, Tanzen und Kino liegen im Trend. Wohnsituation, öffentliche Verkehrsanbindung, Zugang zu Informationen könnten kaum besser sein. Das häufige Fehlen von Enkelkindern wird dagegen sehr bedauert. Dafür werden Freundschaften und Freundeskreise sehr gepflegt und gleichen dieses Manko etwas aus.

          Was Kirche und Glaube angeht, ist diese Altersgruppe noch etwas stärker säkular geprägt als die Gesamtbevölkerung. Konfessionsgebunden sind nur noch knapp vierzig Prozent. Der Rest ist entweder atheistisch oder esoterisch orientiert. Allerdings ähneln einander die ethischen Standards und Moralvorstellungen von Gläubigen und Atheisten. Auch deshalb profitieren die Unions-Parteien erstmals nicht mehr automatisch vom alternden Wähler. Stattdessen wenden sich die Alten verstärkt Rot-Rot-Grün zu, so wie sie es auch in ihrer Jugend schon taten.

          Das alte Paar

          Von der Pike auf demokratisch erzogen, bürgerschaftlich engagiert, gebildet und intellektuell auf der Höhe der Zeit, will sich diese Generation weiterhin in Politik und Gesellschaft einmischen. Dabei unterscheidet sie sich in geradezu revolutionärer Weise von ihren Eltern und Großeltern: Die Generation, um die es hier geht, fühlt sich gar nicht alt.

          Und warum auch? Das Lebensgefühl dieser Gruppe hat mit dem Leben ihrer Vorfahren jenseits der 50 nichts mehr gemein. Dazu passt, dass diese Menschen mit sich selbst sehr zufrieden, selbstbewusst und persönlichkeitsstark sind. Sie ernähren sich gut, sind fit und mit ihrem Aussehen zufrieden. Beim Thema Sex und Partnerschaft gibt sich diese Generation betont unbeschwert. Wer in jungen Jahren ein vitales sexuelles Leben geführt hat, möchte sich auch jenseits der 50 nicht davon verabschieden.

          Langsame Revolution

          Und obwohl diese Generation bisweilen ein großes Durcheinander in Partnerschaft, Ehe und Familie produziert hat, gelingt ihr am Ende doch, wenn auch nicht immer im ersten Anlauf, die glückliche Zweierbeziehung. Immerhin achtzig Prozent dieser Altersgruppe sind verheiratet, zehn Prozent fest liiert. Dieser Trend zum älteren Paar ist das eigentliche Novum. Von den Verfassern der Studie wird es als „Philemon & Baukis-Syndrom“ in die Literatur eingeführt.

          Der Mythos vom Ausnahmepaar scheint Wirklichkeit zu werden. Eine Revolution stellt man sich zwar vielleicht dramatischer, schneller, sichtbarer vor. Aber in der Generation der über Fünfzigjährigen macht die Menge den Unterschied. Weil es so viele sind, werden die Auswirkungen gewaltig sein. Das Alltagsbild unserer Gesellschaft wird nicht mehr geprägt sein von Familien mit kleinen Kindern, sondern von einer selbstbewussten Generation „50 plus“, die schon in ihrer Jugend Kulturgeschichte geschrieben hat und die auch das letzte Lebensdrittel für sich noch einmal neu erfinden will. Eine neue Lust am Älterwerden, ohne sich alt zu fühlen.

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