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Dieter Kosslicks Memoiren : Der schwäbische Stabreim

Ausnahmsweise auch mal mit rotem Hut: Dieter Kosslick im Jahr 2019 bei seiner letzten Berlinale als Direktor Bild: dpa

Die Brezel preisen, die Filmkritik geißeln: Dieter Kosslick, achtzehn Jahre lang Leiter der Berlinale, hat jetzt seine Memoiren veröffentlicht – „Immer auf dem Teppich bleiben“.

          5 Min.

          Wenn alles liefe wie immer, dann finge demnächst die 71. Berlinale an. Es würde über Filme geredet, die zu sehen sind, und solche, die nicht zu sehen sind, und über anreisende und fernbleibende Stars. Und es würde darüber spekuliert, wie sich das Leitungsduo Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek bei seiner zweiten Berlinale bewährt. Vielleicht würde auch über Dieter Kosslick gesprochen werden, dessen Vertrag als Berlinale-Chef 2019 nach 18 Jahren an der Spitze auslief – und nicht verlängert wurde, obwohl Kosslick, wie man hörte, gar nicht amtsmüde war.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nun kommt er sicher wieder ins Gespräch, weil es nur eine digitale Berlinale für die Branche Anfang März gibt und eine fürs Publikum im Sommer geben soll, Kosslicks Memoiren jedoch am Dienstag erscheinen. Natürlich ist man gespannt, wie er die Umstände seines Abschieds sieht, auch dessen Vorgeschichte, die 2017 mit einem offenen Brief von deutschen Regisseuren begonnen hatte, in dem eine Neuausrichtung des Festivals gefordert wurde, oder wie er die Aktivitäten der Kulturstaatsministerin Monika Grütters kommentiert.

          Ein geborener Gastgeber

          In „Immer auf dem Teppich bleiben. Von magischen Momenten und der Zukunft des Kinos“ findet sich dazu kein Wort. Da wird kurz das letzte Duett mit Anke Engelke geschildert, mit der Kosslick seit 2003 die Eröffnungsgala bestritten hatte, und der Abschied im Friedrichstadt-Palast mit den Toten Hosen, die verständliche Rührung, nach 35 Jahren als Filmförderer und Festivaldirektor nun auszuscheiden. Es mag klug sein, nicht nachzutreten, aber Kosslicks Schweigen ist beredter, als wenn er den Abgang mit der Phrase wegmoderiert hätte, man sollte gehen, wenn es am schönsten ist.

          Es ist allerdings nicht so, dass der heute 72-jährige Kosslick nicht austeilen könnte. Er hat dem Festival durch Aufgeschlossenheit und Gastfreundschaft jene Geltung und Ausstrahlung verschafft, die es in den 21 Jahren zuvor unter Moritz de Hadeln nicht besaß. Kosslick war ein geborener Gastgeber, der mit schwarzem Hut und rotem Schal die Stars empfing und seine Verbindungen in die Politik nutzte, um das Festival auf Kurs zu halten. Die frontale Attacke war nie seine Sache. Er löst das anders. Eleganter. Monika Grütters, der er, im Gegensatz etwa zu ihren Amtsvorgängern Neumann und Naumann, nicht im Abspann dankt, wird mit einem schillernden Satz bedacht: „Sie liebte den roten Teppich am meisten.“

          Kino, Küche, Klima

          Und was er von der Ära de Hadeln hält, wird klar, wenn er das erste Treffen mit den Mitarbeitern beschreibt, nachdem de Hadeln ihm zunächst den Zugang zu den Räumen der Berlinale verwehrte. Alle schwiegen sie, bis schließlich doch eine Mitarbeiterin aufstand und sagte: „Wissen Sie, wir sind es nicht gewohnt, in Anwesenheit des Direktors zu sprechen.“ Kosslick bestellte erst mal Wein für alle. Und erwähnt noch das „traditionell schlechte Veranstaltungsessen“ unter de Hadeln und seine Anstrengungen, das kulinarische Niveau des Festivals zu heben.

          Da ist man gleich bei einer Merkwürdigkeit dieser Memoiren, die aber nicht überraschend kommt. Nach den drei Teilen, aus denen das Buch besteht, ist klar, wie Kosslicks schwäbischer Stabreim geht: Kino, Küche, Klima. Er erinnert sich an die Backstube der Kindheit, in der seine alleinerziehende Mutter ihn morgens abgab, wenn sie arbeiten ging, er preist Butterbrezel und Slow-Food-Bewegung. Vor allem ist da immer mehr Leidenschaft spürbar, als wenn er vom Kino spricht. Zwar schwelgt er in Erinnerungen an „Ben Hur“, seinem Pforzheimer Kino-Initiationserlebnis mit elf Jahren, aber die meisten Einlassungen zu Filmen bleiben recht farblos und temperamentarm.

          Seltsam unentschlossen

          Da passiert dann auch schon mal ein peinlicher Fehler, wenn er die „Hamburger Erklärung“ der Filmemacher von 1979 erwähnt, um fortzufahren, dass die Unterzeichner wie Hauff, Schlöndorff oder Herzog dann auch gleich noch das „Oberhausener Manifest“ veröffentlicht hätten – was leider ohne Beteiligung der Genannten schon 1962 passiert war. Der Verlag hat das auch übersehen und kann es nun erst in der zweiten Auflage korrigieren.

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