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Dieter Hildebrandt: Das Berliner Schloss : Geschichten aus dem Geisterhaus

Bild: Verlag

Keine Gnade für den bürgerfeindlichen Klotz der Hohenzollern! Dieter Hildebrandt hat die schönste von allen Polemiken gegen den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses geschrieben.

          4 Min.

          Was für ein wunderbares Buch! Eine Schatzkammer von Anekdoten, Episoden, Histörchen, ein ungehemmt fließender Strom der Gelehrsamkeit, eine Weltgeschichte im Plauderton. Und das Wunderbarste daran: wie dieses Buch, je länger man in ihm liest, ein Eigenleben, einen eigenen Willen entwickelt. Es denkt gar nicht daran, seinem Autor in die Richtung zu folgen, in die er es zwingen will. Statt dessen lässt es sich von seinem Thema bezirzen und bezaubern, so wie es den Leser bezaubert und bezirzt; es taucht mit ihm in die Tiefe seines Gegenstands und findet darin eine Welt. Und der Autor selbst? Auch er kann sich der Faszination, die er doch brechen wollte, nicht völlig entziehen. Er hat seine Feder gespitzt, um zu sticheln, zu verletzen, mit Worten zu töten; am Ende aber ist es fast eine Hommage geworden. Die Handschrift eines Meisters trägt sie allemal.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dieter Hildebrandt, der Autor bemerkenswerter historisch-biographischer Essays über Beethovens neunte Symphonie oder Schillers kluge Schwester Christophine, hat eine Streitschrift gegen das Berliner Schloss geschrieben. Das ist nicht neu, Polemiken gegen den Wiederaufbau, seine Initiatoren, Lobbyisten und künftigen Nutznießer gibt es viele; aber diese ist die beste. Sie ist die beste, weil sie die schönste ist. Und sie ist die schönste, weil sie, statt immer nur über das Schloss zu reden, das Schloss selbst reden lässt.

          Die Prinzessin und ihr Lieblingsbruder

          Es ist ein Haus voller Geschichten. Eine, die allererste, beispielweise erzählt davon, wie die Hohenzollernresidenz, als sie noch gar nicht stand, von den Berlinern schon gehasst wurde, wie sie die Fundamente der Zwingburg, die auf Befehl des Kurfürsten Friedrich Eisenzahn in ihrer Stadt emporwuchs, mit Wassermassen aus der Spree wegzuschwemmen versuchten. Eine andere, knapp zweihundert Jahre jüngere, handelt vom einem Preußenherrscher, der im Fieberwahn aus seinem eigenen Palast flieht, gejagt von jener „weißen Frau“, von der niemand genau weiß, wer sie eigentlich ist – eine verirrte Magd, eine misshandelte Mätresse oder, wie Fontane später mutmaßte, das Hoffräulein Wangeline von Burgsdorff, die einen hohenzollerschen Erbprinzen vergiftet hat und von ihrem schlechten Gewissen durch die Flure getrieben wird.

          Eine dritte, ziemlich traurige Geschichte schließlich erzählt von einer Prinzessin und ihrem Lieblingsbruder, die sich nach längerer Trennung auf der Hochzeit der Prinzessin wiedersehen: „Beim Näherkommen erkannte ich ihn, obschon mit Mühe: er war erstaunlich viel stärker geworden, und kürzer am Hals; auch sein Gesicht war sehr verändert ... er trug eine stolze Miene und schien auf jedermann herabzublicken.“ Es ist der in der Küstriner Festungshaft durch seinen Vater gedemütigte, zum Menschenhasser verhärtete Thronfolger Friedrich, aus dem kaum zehn Jahre später „der Große“ werden wird – einer von vielen Bewohnern, Insassen, Opfern des Berliner Schlosses.

          Er will seinen Lesern das Schloss madig machen

          Das Grundmotiv, auf das Hildebrandt die gesamte Suite seiner Schloss-Episoden stimmt, ist das der Flucht. So gut wie jeder, von dem er erzählt, will weg aus dem „Steinernen Labyrinth“ mit seinen zuerst mittelalterlich-trutzigen, dann renaissancehaft-verschnörkelten, am Ende hochbarocken Mauern – vom brandenburgischen Kurfürsten Joachim I. Nestor, der im Jahr 1524 vor der astrologisch angekündigten Sintflut auf den Tempelhofer Berg flüchtet, über Voltaire, dem die Gastfreundschaft des großen Friedrich in seinem Zimmerchen über der Spree zur unerträglichen Last wird, bis zum „Kartätschenprinzen“ Wilhelm, dem späteren deutschen Kaiser, der sich im Revolutionsjahr 1848 im Zug nach Hamburg davonmacht, um nicht dem Zorn der Berliner Bürger anheimzufallen, die er hatte zusammenschießen lassen wollen. Das Hohenzollernschloss blieb ihm verleidet: Noch als regierender Monarch nahm Wilhelm die Wachparade lieber von seinem Arbeitszimmer im Palais Unter den Linden ab.

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