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Dieter Hildebrandt: Das Berliner Schloss : Geschichten aus dem Geisterhaus

Worum es dem Autor bei diesen Schilderungen geht, ist klar: Er will seinen Lesern das Schloss gründlich madig machen. Wenn schon die Hohenzollern selbst den Kasten nicht mochten, um wie viel weniger braucht da die Berliner Republik ein solches „Denkmal der Nutzlosigkeit“, eine „monumentale Gelegenheits-Absteige“, die sich nur ein paar von „Nostal-Gier“ zerfressene „Repliken-Republikaner“ sehnlichst zurückwünschen? Ja, das müsste man sich tatsächlich fragen – wenn es sich so verhielte, wie der immer wieder hinter dem Erzähler Hildebrandt hervordrängende Schlosshasser Hildebrandt uns weismachen will.

In Hass verkehrte Sohnesliebe

Aber so ganz funktioniert der Indizienbeweis nicht, den der eine mit Hilfe des anderen anstrengt. Denn erstens kann auch dieses tief parteiische Buch nicht unterschlagen, dass es durchaus Preußenkönige gab, denen das Schloss am Herzen lag – etwa Friedrich Wilhelm II., der dessen Räume durch Erdmannsdorff verschönern, oder sein Enkel Friedrich Wilhelm IV., der dem Bau die Stülerkuppel aufsetzen ließ. Und zweitens steigert der Erzähler selbst mit jedem genaueren Blick, den er ins Innere des Gebäudes wirft, das Interesse des Lesers an dem nur scheinbar monolithischen, machtgetränkten, bürgerfeindlichen Klotz in der Mitte Berlins.

Die Privaträume des „Soldatenkönigs“ etwa, die sein Thronerbe Friedrich der Große nach dem Tod des Vaters versiegeln ließ, bis sie von Würmern und Motten zerfressen waren: Gibt es ein sprechenderes Symbol der zerstörten, in Hass verkehrten Sohnesliebe? Oder der Weiße Saal, in dem drei Generationen von Hohenzollern ihre Architekturphantasien auslebten: Wo wäre ein besserer, preußisch-deutscher Erinnerungsort? Das alles, versteht sich, wird es nie mehr geben, auch nicht im zukünftigen Humboldt-Forum auf dem Schlossplatz, aber es ist so lehrreich wie herzerquickend, bei Hildebrandt noch einmal davon zu lesen, auch und gerade dort, wo er über das, was hinter den Schlüterfassaden geschieht, nur den Kopf schütteln kann.

Die eingeritzten Spuren von Heizern und Mägden

Es trifft sich, dass die Reihe der Hohenzollernherrscher mit Wilhelm II. abbricht, dem unreifsten und pathologischsten Vertreter der Dynastie. Für Hildebrandt, der die verbalen Entgleisungen Wilhelms mit schaudernder Akribie auflistet, ist das ein willkommener Anlass, vor der Wiederaufrichtung der „Topographie eines früheren Gewaltwahns“ zu warnen, welcher „die Räume mit dem Wahnwitz seiner Worte kontaminierte“. Wenn Kaiserworte zu Stein werden könnten wie die Zaubersprüche in „Harry Potter“, dann müsste man sich tatsächlich vor dem neuen Berliner Schloss alias Humboldtforum fürchten. Aber in den Schlosskellern, die unter der Betondecke des einstigen Paradeplatzes der DDR zum Vorschein kamen, fand man nur die eingeritzten Spuren von Heizern und Mägden. Man muss also nicht jedes Wort dieses Buches, das fern von den Brachen und Bausünden Berlins an den sonnigen Hängen des Odenwalds entstanden ist, auf die Goldwaage legen. Ein Lesegenuss ist es trotzdem.

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