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Dieter Henrich: Werke im Werden : Über den plötzlichen Durchbruch zur Einsicht

Bild: Verlag

Behutsame Vergewisserung und großes Begriffstheater zugleich: Dieter Henrich umkreist ein Erbe großer philosophischer Entwürfe, das er nicht ausgeschlagen sehen möchte.

          4 Min.

          Ob philosophische Entwürfe zu wirklicher Erkenntnis führen, ist eine recht groß zugeschnittene Frage. Ihre Beantwortung hängt davon ab, welche Ansprüche man mit „wirklicher“ Erkenntnis verbindet. Was natürlich selbst wieder auf philosophische, also auf grundsätzliche Fragen hinausläuft, in denen kein Verweis auf etablierte Terrains des Wissens weiterhilft - und nicht zuletzt auf die Frage zusteuert, was es mit der Philosophie im Kern eigentlich auf sich habe.

          Helmut Mayer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Wesensbestimmungen des Philosophischen, die von den Vorsokratikern bis Derrida oder Habermas halten sollen, sind freilich meist eine schale Angelegenheit. Verständlich also, dass manche sich darum bemühen, die Sache eher pragmatisch anzugehen: Eine Tradition kanonischer philosophischer Autoren gebe es nun einmal, aber ihr verbindendes Element liege durchaus nicht in einem sich durchhaltenden Problembestand, an dem alle diese Philosophen sich abarbeiteten. Viel eher gelte es, im Rückblick die Differenzen zu erkennen, an den ganz anderen Problemlagen und Verfahrensweisen einen Geschmack für die historische Variabilität unserer eigenen Sichtweisen auszubilden.

          Betrachtung von Initialeinsichten

          Richard Rorty war ein prominenter und entschiedener Vertreter solcher Umgehung eines vermeintlichen philosophischen Kernbestands: Er sah in den kanonisierten Philosophien vielmehr die Arbeit an der Verknüpfung von verschiedenen Wissensansprüchen ihrer Zeit, die es in den breiteren Kontext kultureller Umwälzungen zu stellen gilt. Womit die Philosophie zu einer Facette dieses kulturellen Lebens unter anderen wird: Ihre unbedingten Begründungsansprüche mögen wertvolle Anstöße geben, aber als bare Münze sind sie gerade nicht zu nehmen. Außerdem wissen wir einfach eine Menge Dinge mehr von der Welt als Descartes, Kant oder Hegel - und das sticht letztlich auch in Sachen einer ins Ensemble der intellektuellen Verständigungen über die Welt eingegliederten Philosophie.

          Es liegt fast auf der Hand, dass ein Philosoph wie Dieter Henrich, an der nachkantischen Entwicklung hin zu den idealistischen Systementwürfen orientiert, diese pragmatische Auskunft unzureichend findet. So wie andere Versuche auch - er nennt im Vorbeigehen den Ideengeschichtler Quentin Skinner und Michel Foucault -, philosophische Konzeptionen strikt an bestimmte kulturelle oder „epistemische“ Ausgangslagen und auf sie reagierende Interventionsabsichten rückzubinden. Natürlich sei das immer möglich, lasse sich auch durchaus aufschlussreich durchführen - aber an den großen philosophischen Entwürfen bleibt für Henrich damit ein Mehrwert unberücksichtigt, der nicht als bloß rhetorischer Überschuss zu kappen, sondern vielmehr als das eigentliche philosophische Moment ernst zu nehmen ist.

          Nun ist Dieter Henrich aber auch ein Philosoph, bei dem man nicht befürchten muss, dass er diesen Mehrwert einfach in eine hübsche Formel bannt oder schlicht die „philosophia perennis“ als Instanz der Verhandlung ewiger Menschheitsfragen beschwört. Zwar, ohne eine Grundbestimmung philosophisch genannter Einsichten geht es nicht ab. Aber diese Bestimmung wird nicht Werken abgelesen, sondern soll über eine Betrachtung von Initialeinsichten erreicht werden, die am Beginn des Weges zu diesen Werken stehen. Wobei durchaus nicht ausgemacht ist - Heidegger und Wittgenstein sind die prominenten Fälle des letzten Jahrhunderts -, dass die ins Auge gefassten Darstellungen auch wirklich zustande kommen.

          Gemeinsamer Bezug auf einen letzten Grund

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