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: Diesseits vom Paradies

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          Als F. Scott Fitzgerald 1939, ein Jahr vor seinem Tod, am "Letzten Tycoon" arbeitete, als er sich über den Fortgang des Romans den Kopf zerbrach, da waren seine Skizzen von einer immer tieferen Melancholie eingefärbt. Im September 1939 schrieb er an seinen Verleger von Hollywoods "üppiger romantischer Vergangenheit, die wir in unserer Zeit so wohl nie wieder erleben werden", und noch als Fragment ist der Roman für das Hollywood der dreißiger Jahre, was "Der große Gatsby" für die zwanziger war. Hollywoods Wunderjahr 1939 mit Filmen wie "Vom Winde verweht", "Der Zauberer von Oz", "Sturmhöhe" oder "Höllenfahrt nach Santa Fe" war da noch nicht einmal vorbei, und doch klang alles wie der Schwanengesang auf ein Goldenes Zeitalter.

          David Thomson hat nicht nur diese Tonlage aufgenommen; er hat auch den Titel seines Buches bei Fitzgerald geborgt: "The Whole Equation", die ganze Gleichung des Filmemachens, deren Beherrschung Fitzgerald seinem Helden Monroe Stahr zuschreibt. Stahr war unverkennbar nach dem Bild Irving Thalbergs modelliert, dem frühverstorbenen Wunderkind, das Metro-Goldwyn-Mayer in den dreißiger Jahren zum glamourösesten und erfolgreichsten unter den Hollywood-Studios gemacht hatte. Und Thalberg ist in Thomsons Buch eine Schlüsselfigur, so wie Fitzgeralds Buch eine Art Wasserzeichen bildet - wenn man nur richtig hinschaut, schimmert es immer wieder durch.

          Das Kino, wie wir es kennen, ist tot, sagt Thomson, und wie es zu dem wurde, was es war, wie es blühte und in Agonie verfiel, davon erzählt sein Buch. Wenn man heute jemandem einen solchen Panoramablick noch zutraut, dann dem 64jährigen Briten, der seit mehr als zwanzig Jahren in San Francisco lebt und fabelhafte Bücher über David O. Selznick, Orson Welles und Marlon Brando geschrieben hat. Es ist anmaßend, die Geschichte Hollywoods noch einmal in einem Band aufzuschreiben, und es ist vermutlich die einzige Lösung. Deshalb ist es auch ziemlich unergiebig, sich an Thomsons Idiosynkrasien zu reiben. Sie bringen mehr Einsichten hervor als jede ausgewogene historische Darstellung. Natürlich ist es fragwürdig, den Stummfilm für eine infantile Form des Kinos zu halten, das erst mit dem Ton zu sich kommt; oder zu behaupten, Truffaut sei ein besserer Kritiker als Regisseur gewesen. Aber es lohnt sich beispielsweise zu fragen, ob Erich von Stroheims verschollene, neunstündige Fassung von "Gier" wirklich besser war als jene Zweistundenversion, zu der Irving Thalberg den Film schließlich eindampfen ließ.

          Thomson schafft es, Anekdoten und Geschichten, die man schon in einem Dutzend Bücher gelesen hat, so lange hin- und herzuwenden, daß sie auf einmal in einem neuen Licht erscheinen. Er will nicht nur von der "Geschichte des amerikanischen Films" erzählen, sondern von der "Geschichte Amerikas in der Zeit des Films". Und dazu gehören die Stadt Los Angeles ebenso wie die Geldströme, die Schwindler, Agenten und Buchhalter ebenso wie die Stars, Gangster und Mogule. Es geht um "das Wunder im Dunkeln, die Kalkulationen in den Büros und den nachhaltigen Einfluß der Filme auf Amerika" - um alles eben, was das Kino ausmacht.

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