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: Dieser Schwejk war ein ganz Listiger

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Manchem Leser mag wohl gelegentlich ein Seufzer entfahren: Schon wieder ein Buch über Thomas Mann, schon wieder ein Buch über Brecht! Was Brecht betrifft, so hat Hans Mayers Leipziger Schüler Werner Hecht, der früh in engen Kontakt mit dem Berliner Ensemble kam, wesentlich zum Anwachsen der Literatur ...

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          Manchem Leser mag wohl gelegentlich ein Seufzer entfahren: Schon wieder ein Buch über Thomas Mann, schon wieder ein Buch über Brecht! Was Brecht betrifft, so hat Hans Mayers Leipziger Schüler Werner Hecht, der früh in engen Kontakt mit dem Berliner Ensemble kam, wesentlich zum Anwachsen der Literatur beigetragen: mit dramaturgischen Analysen und Essays, als Mitherausgeber der "Großen kommentierten Berliner und Frankfurter Ausgabe" und als Autor einer gerade ergänzten Brecht-Chronik. Seinen neuen Band "Brechts Leben in schwierigen Zeiten" möchte man dennoch nicht missen.

          Das Buch weicht von gängigen Biographien und wissenschaftlichen Monographien ab, indem es "Geschichten" erzählt. Genauer: Es ordnet Brechts Leben und künstlerisches Wirken nach zwanzig Sachbereichen, mit denen es - der biographischen Linie nicht sklavisch folgend - Zusammenhänge erschließt, die zu erzählerischer Darstellung einladen. So etwa das jahrelange, von beiden Seiten mit Verbissenheit, aber auch mit viel Witz geführte "Duell" im Kapitel "Das Auto". Brechts Komplizenschaft mit Schriftstellern wie Wedekind, Schwitters, Remarque oder Zuckmayer, die sich alle nicht scheuten, ihre Muse in den Dienst der Wirtschaftsreklame zu stellen. So Brechts Umgang mit dem Vorwurf des "Plagiats", so in dem mit keinem Beifall der affärensüchtigen Boulevardpresse rechnenden Kapitel das "Liebesmodell" oder die lebenslange Wirksamkeit biblischer Sprachmuster in Brechts Dichtung.

          Der Auftakt des Buches, "Die Kinder", ist stilistisch sein schwächster Teil. Hier wird mit Betulichkeit erzählt; auch merkt man, dass Hechts Stärke nicht die Gedichtinterpretation ist. Die zentralen Kapitel rechtfertigen den Titel des Buches. Sie erzählen von den "schwierigen Zeiten", in die Brecht schon am Ende der Weimarer Republik gerät und die sich auf andere Weise nach der Flucht und Ausbürgerung durch das Hitlerregime im dänischen, schwedischen, finnischen und kalifornischen Exil fortsetzen. Die eigentlich aufregenden Teile des Buches aber berichten von den enormen Schwierigkeiten, die der Parteilose mit seinen Gesinnungsverwandten hatte: "Die Marxisten", "Die Kunst-Instanz" und "Die Isolierung", überhaupt die Kapitel zu den sieben Jahren, in denen der vor dem Naziregime Geflohene in die Zangen einer anderen ideologischen Unterdrückung geraten ist.

          Seit dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende der DDR sind viele bislang unbekannte Dokumente zutage gekommen, die Brechts steten Ärger mit den Funktionären der SED und den Kulturbehörden in der DDR belegen. Letzte Funde schließt Hecht mit ein, und so ist die bislang beste Gesamtdarstellung von Brechts unablässigem Kleinkrieg mit den Doktrinären entstanden. Freilich konnte der Autor von sich anbiedernden Liedern wie "Lob der Partei" oder "Lob des Kommunismus" (aus den Stücken "Die Maßnahme" und "Die Mutter" vom Anfang der dreißiger Jahre) sich nicht wundern, nun mit seiner "Querköpfigkeit" bei ihnen Irritationen auszulösen.

          Seit 1934 belegt ist Brechts satirischer Begriff "Murxisten" für jene selbsternannten Hüter der "wahren" Lehre, die ihn ständig glaubten maßregeln zu müssen. Vor allem deutsche Emigranten in der Sowjetunion, von Brecht auch "Moskauer Clique" genannt, Kreise um die Scharfmacher und Stalinisten Ulbricht, von Wangenheim und Kurella, suchen ihn zu denunzieren. Die Moskauer Schauprozesse gegen die angeblichen Parteischädlinge ernüchterten ihn vollends, so dass er auf seiner Flucht aus Skandinavien so schnell wie möglich von Moskau nach Wladiwostok weiterhastete, um Zuflucht in Kalifornien zu finden. Und nun der erneute Widerspruch der Verhaltenspraxis eines Autors zwischen zwei Stühlen: Der Kampf der Sowjetunion gegen Hitler bindet ihn wieder an das politische Lager, dem er offensichtlich so unbequem ist.

          Dennoch muss Brecht, als er nach seiner Rückkehr aus dem Exil in Ost-Berlin Fuß fasste - er zögerte die Entscheidung lange genug hinaus -, gewusst haben, worauf er sich einließ. Aber die Entschlossenheit, ein Theater zu gründen, das sich europaweit Geltung verschaffen konnte, ließ den Unbequemen mit dem ungeliebten Regime paktieren; für die ideologische Absicherung sorgte seine Frau, Helene Weigel, als Chefin des "Berliner Ensembles". Der tatsächliche Erfolg des listigen Schwejk blieb ein Paradox. Die DDR, deren Behörden ihn immerfort schurigelten, benutzte ihn als Galionsfigur.

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