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Jon Savage über Joy Division : Diese Sehnsucht nach schönen Dingen

Minimalistische Kühle bei lautem Herzschlag: Stephen Morris, Ian Curtis, Bernard Sumner und Peter Hook im Jahr 1979 in ihrer Heimatstadt Bild: Getty

Als Manchester zu einer Hochburg der Popmusik wurde: Jon Savage schreibt eine Oral History der Band Joy Division. Doch seine Rekonstruktion folgt eher einem autobiographischen Interesse.

          3 Min.

          Vor vierzig Jahren hat sich Ian Curtis, Sänger der englischen Band Joy Division, das Leben genommen. Er hinterließ eine Frau, eine Tochter und zwei Alben, die längst in den Kanon der Popmusik gehören. Die Hymne „Love Will Tear Us Apart“ gilt als einer der besten Popsongs aller Zeiten, das Cover-Motiv des Debütalbums, „Unknown Pleasures“ von 1979, tragen Teenager bis heute auf T-Shirts. Was wiederum als Beweis gewertet wird für die Zeitlosigkeit jener Formel, die Curtis und seine drei Bandkollegen gefunden hatten, damals, im kaputten Manchester der späten siebziger Jahre. Eine Stadt, die dank Joy Division und der Bands, die nach ihnen kamen, zu einer Hochburg der Popmusik geworden ist.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Solche Gründungsmythen sind geläufig: Eine Gruppe junger Leute findet an einem bestimmten Ort zu einem Sound zusammen, um dann Geschichte zu schreiben, man denke an Techno im wiedervereinten Berlin der frühen neunziger oder Rap im schwarzen New York der späten siebziger Jahre. Der Verbindung von Manchester und Ian Curtis wurde schon oft nachgespürt, es gibt Filme („Control“ von Anton Corbijn, „24 Hour Party People“ von Michael Winterbottom), es gibt Monographien teilnehmender Beobachter wie Dave Haslam, es gibt die Memoiren der Witwe – und jetzt auch eine Oral History. Zusammengestellt hat sie der englische Pop-Historiker Jon Savage, der als junger Journalist für das Musikmagazin „Sounds“ mit feuerroten Ohren über Joy Division und die neue Szene rund um das legendäre Factory-Label berichtete – und diesem Augenblick im Grunde seine Karriere verdankt.

          Euphorie trifft auf späte Erkenntnis

          „Sengendes Licht, die Sonne und alles andere“ erzählt abermals die Geschichte von Joy Division nach: Vier Jungs aus Manchester, die, kaum, dass 1976 der Punk ausgebrochen ist, selbst eine Band gründen. Deren minimalistische Kühle bei maximal lautem Herzschlag stilbildend wirkt. Sie lernen ihre Instrumente auf der Bühne, nehmen blitzschnell zwei Platten auf und sind auf dem Sprung nach Amerika, als sich der begabteste und charismatischste unter ihnen im Alter von dreiundzwanzig Jahren erhängt. Die drei anderen Mitglieder gründen bald darauf die nächste Band, New Order, und leiten ein Jahrzehnt der schönsten, postmodernen Popmusik aus Manchester ein, doch dafür ist in diesem Buch kein Platz.

          Jon Savage: „Sengendes Licht, die Sonne und alles andere“. Die Geschichte von Joy Division.

          Weil Savage sich für sein Buch auch bei Interviews aus den Jahren 1979 und 1980 bedient, kommt Ian Curtis selbst zu Wort. Dann wieder sprechen seine Bandkollegen und andere Musiker, Fans und Produzenten, Manager und Journalisten – allerdings aus der Rückschau. Euphorie trifft so auf späte Erkenntnis, und je länger die Lektüre andauert, desto unausgegorener erscheint dieses Verfahren. Spätestens jetzt weiß man, wie alle anderen den jungen Curtis sehen: ein Nietzsche-Leser, ein ehrgeiziger Tory, ein Selbstverschwender in der Tradition Rimbauds, der an Epilepsie litt.

          Woher kam die Kraft?

          Diese Herangehensweise unterminiert den Anspruch, so etwas wie die endgültige Version der Geschichte von Joy Division aus allen verfügbaren Quellen zu destillieren. Vor allem dokumentiert Savage noch einmal den Kult um die Band. Das hätte es nicht gebraucht, und erst recht nicht von diesem Autor, dessen Mentalitätsgeschichten wie „England’s Dreaming“ oder „Teenage“ sozioökonomische Grundlagenwerke zum Verständnis heutiger Popkultur sind.

          Vollkommen unklar bleibt, wie aus den Ruinen der einstigen Metropole des Kapitalismus eine Metropole der Popmusik entstehen konnte. Dabei stellt sich diese Frage bei fortschreitender Lektüre immer drängender. Woher kam die Kraft, warum blieben die Leute? Man ahnt, welch ein Buch in diesem Buch steckt, wenn man die Stimmen kluger Zeitzeugen wie Peter Saville, Mark Reeder oder Liz Naylor liest. „Weil alles so hässlich war, hielt man ständig nach etwas Schönem Ausschau, wenn auch vielleicht nur unterbewusst“, erinnert sich Bernard Sumner, der Gitarrist von Joy Division und Sänger von New Order. „Bis ich ungefähr neun war, hatte ich noch keinen Baum gesehen. Man hatte also eine Wahnsinnssehnsucht nach schönen Dingen, weil man sich halb in einem Zustand der sensorischen Deprivation befand.“ Also schuf Sumner sich mit seinen Freunden selbst schöne Dinge, Songs, die zu Lebensmelodien wieder anderer Leute wurden.

          Die Geschichte von Joy Division ist auch die Geschichte von Jon Savages Jugend. Vielleicht folgt die minutiöse Rekonstruktion von Konzertschlägereien, Proberaumkonflikten und Bandbusdramen deswegen eher einem autobiographischen Interesse. Den Zusammenhang von Ort und Werk bekommt er nicht zu fassen.

          Jon Savage: „Sengendes Licht, die Sonne und alles andere“. Die Geschichte von Joy Division. Aus dem Englischen von Conny Lösch. Heyne Verlag, München 2020. 384 S., geb., 20,– €.

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