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: Die Zwanziger flirten sehr subtil

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Julia Drosts Studie über die literarische Figur der Garçonne im Frankreich der zwanziger Jahre ist ein sehr gründliches, informatives und tapferes Produkt aus der Welt akademischer Abschlußarbeiten. Wer sich durch die zahlreichen, im Original zitierten Belegstellen hindurchgearbeitet hat, wird mit ...

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          Julia Drosts Studie über die literarische Figur der Garçonne im Frankreich der zwanziger Jahre ist ein sehr gründliches, informatives und tapferes Produkt aus der Welt akademischer Abschlußarbeiten. Wer sich durch die zahlreichen, im Original zitierten Belegstellen hindurchgearbeitet hat, wird mit einer neuen Perspektive auf die wohl widersprüchlichste Epoche des letzten Jahrhunderts belohnt.

          Der Buchtitel bezieht sich auf den 1922 erschienenen, gleichnamigen Roman Victor Marguerittes, in dessen Zentrum die emanzipierte Frau der Nachkriegsära steht. Sie ist selbstbewußt, trägt einen Bubikopf, kreuzt ihre Beine im Sitzen und läßt den Rock dabei über die Knie rutschen. Ihre Liebesobjekte sucht sie sich selber aus, sie verpönt Ehe und Kinder und neigt zu Affären mit anderen Frauen. Marguerittes Skandalerfolg schuf einen Mythos, der ins Zentrum zeitgenössischer Geschlechtsdebatten fiel. Dem Autor, einer politisch schillernden, dem Feminismus zugeneigten Figur, widmet sich Drost nur am Rande und beruft sich dabei treuherzig auf eine "Prämisse der gender studies", der zufolge ein männlicher Schriftsteller dem "philosophischen, kulturellen, literarischen, sprachlichen, intertextuellen System, das von Männern konstituiert worden ist", verhaftet bleibt. Statt dessen weitet sie ihre Fragestellung auf die Wirkungsgeschichte seiner auch später um die Garçonne kreisenden Romane aus.

          Neben der Tagespresse kommt Drost auf Verfilmungen und Theaterversionen, auf Buchillustrationen, die Mode, die sich um den neuen Frauentypus rankte, und nicht zuletzt auf die zum Teil parodistischen Werke zu sprechen, die der "Garçonne" Konkurrenz zu machen versuchten. Eine starke Reaktion löste die literarische Welle in konservativen, um die "repopulation" besorgten Kreisen aus, die schon 1920 ein Verbot der Abtreibung und der Werbung für empfängnisverhütende Mittel durchgesetzt hatten. Margueritte selbst schrieb das Vorwort zu einem Pamphlet des mit ihm befreundeten Georges-Anquetil zum Wohle der Polygamie, die dem kriegsbedingten Männermangel abhelfen sollte - ein Vorschlag, der von feministischer Seite als "Monument des männlichen Egoismus" abserviert wurde. Als weiblichen Egoismus sah die katholische Liga der "Väter kinderreicher Familien" das modische Junggesellentum der Frauen an und versuchte vergeblich, die Verbreitung der "Garçonne" zu unterbinden. An ihr kristallisiert sich das Nachkriegsfrankreich, und Julia Drost tut gut daran, sie zum Lackmustest seiner Spannungen zu machen.

          Victor Margueritte war sich zur Zeit des L'art pour l'art und der absoluten Dichtung nicht zu schade, seine Figuren zu Ideenträgern seiner politischen Überzeugungen zu machen. "Ein ganz und gar schwacher Autor", urteilte Leo Trotzki, "in seiner banalen Prosa spürt man nichts von der großen Schule des französischen Romans", seine Erotik habe "den Beigeschmack von Polizeiakten". Mögen seine Werke - die er anfangs gemeinsam mit seinem älteren Bruder verfaßte - auch krude prosaisch und naturalistisch direkt gewesen sein, so durchweht Marguerittes Biographie doch ein Hauch von Poesie. Sein Vater war General und ließ in Sedan als Volksheld sein Leben. Der seit dem vierten Lebensjahr verwaiste Sohn verschrieb sich dem Pazifismus und warf dem französischen Militär öffentlich massive taktische Fehler vor. Diese Anklageschrift mehr als seine freizügigen Romane dürften der Grund für Marguerittes Ausschluß aus der Ehrenlegion gewesen sein. Seine Mutter war eine Cousine Stéphane Mallarmés, der die Karriere ihrer Söhne durch positive Kritiken beförderte.

          Claude Levi-Strauss diente Margueritte Anfang der dreißiger Jahre als Privatsekretär und stellte ihm ein eher vernichtendes Zeugnis aus. Margueritte habe in einem großbürgerlich-altmodischen Interieur halb blind und ohne Kontakt zu seiner Umwelt gelebt, vor allem, "weil er es sich auf einem so hohen Sockel eingerichtet hatte, daß es ihm schwer wurde, Gesprächspartner zu finden". Im übrigen habe er einer "internationalen Bruderschaft der Übermenschen" angehört, zu denen neben Keyserling und Rolland auch Einstein zählte und die sich darauf verständigt habe, die Bücher der jeweils anderen in den Himmel zu loben.

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