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: Die zerrissene Troika

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Als Konrad Wolf im März 1982 im Alter von gerade einmal sechsundfünfzig Jahren in einem Ost-Berliner Krankenhaus starb, folgten viele Menschen betroffen seinem Sarg. Als Präsident der Akademie seit 1965 hätte Wolf Anspruch auf eine Grabstelle auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte gehabt.

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          Als Konrad Wolf im März 1982 im Alter von gerade einmal sechsundfünfzig Jahren in einem Ost-Berliner Krankenhaus starb, folgten viele Menschen betroffen seinem Sarg. Als Präsident der Akademie seit 1965 hätte Wolf Anspruch auf eine Grabstelle auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte gehabt. Statt dessen fand er in der Gedenkstätte der Sozialisten in Friedrichsfelde, nicht weit von den Gräbern Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts, die letzte Ruhe. Das paßte zu seinen Überzeugungen, aber noch lieber wäre ihm wohl ein Friedhof in Moskau gewesen. Denn von Moskau ist Konrad Wolf, Sohn des Schriftstellers Friedrich Wolf, in seiner Kindheit und frühen Jugend mehr geprägt worden als vom württembergischen Hechingen, wo er 1925 zur Welt kam, oder von Stuttgart, wo er von 1932 bis 1934 die Reformschule von Friedrich Schieker besuchte. In Moskau folgte er 1942 dem Einberufungsbefehl der Roten Armee, hier studierte er von 1949 bis 1952 Filmregie. Erst danach erwarb er die deutsche Staatsbürgerschaft zurück.

          In Moskau war aber auch eine Jungenfreundschaft, der Dreierbund zwischen ihm, dem Emigrantensohn Lothar Wloch aus Deutschland und dem jungen Amerikaner Victor Fischer, 1937, auf dem Höhepunkt des Stalinschen Terrors, auseinandergerissen worden. Wlochs Vater verschwand spurlos in einem Lager, woraufhin die Mutter mit dem Sohn nach Deutschland zurückkehrte. Im Krieg hätte es geschehen können, daß die Freunde aufeinander schossen.

          Später, als er längst ein anerkannter Regisseur des Ufa-Nachfolgers Defa war und im Präsidentenamt über bessere Reisemöglichkeiten als andere verfügte, hat Wolf die Fäden zu den beiden Freunden wieder geknüpft und sich mit ihnen im April 1975 in Alaska getroffen. Die Begegnung verlief nicht ohne Mißstimmung. Danach trieb er das Filmprojekt "Troika" voran, fand dafür aber bei der Kulturbürokratie wenig Anklang. 1989 empfahl sich Konrad Wolfs Bruder Markus, ehemals Chef der Auslandsspionage der DDR, mit der Herausgabe des Fragment gebliebenen Drehbuchs für eine Führungsrolle in einer sozialistisch reformierten DDR.

          Fünfzehn Filme hat Konrad Wolf hinterlassen, von denen viele die Zeit überdauern dürften. Seine Herkunft schützte ihn vor manchen erniedrigenden Prozeduren, die der Entstehung eines Films bei der Defa vorausgingen. Andererseits ruhte gerade auf ihm das wachsame Auge hoher Funktionsträger. Seine Person war von einer gewissen Aura umgeben, die ihn fast unantastbar machte, die er aber keineswegs nur zum eigenen Vorteil zu nutzen verstand.

          Als Akademiepräsident hat Konrad Wolf sich für manchen geprellten Kollegen eingesetzt, nie jedoch, wenn jemand, wie er das bei Biermann glaubte, dem Sozialismus den Rücken kehrte. Die immer unheimlicheren Verbiegungen der von ihm bejahten Gesellschaft hat er mit zunehmender Enttäuschung wahrgenommen. In dem auch im Westen aufgeführten und auf der Berlinale ausgezeichnetem Gegenwartsfilm "Solo Sunny" von 1979 wird die Existenzkrise einer jungen Sängerin zum Spiegelbild einer alles andere als solidarischen, von ihren Idealen weit entfernten "Menschengemeinschaft".

          Soll man, um dieses Erbe zu erschließen, die Filme selbst darstellen oder eher den Lebensweg ihres Autors? Wolfgang Jacobsen und Rolf Aurich, zwei bekannte Berliner Filmhistoriker und -publizisten, haben sich, vielleicht auch auf Wunsch des an Filmliteratur wenig interessierten Verlags, für eine ausführliche Biographie entschieden - und damit zuungunsten des Werks. Wer auf den fast sechshundert Seiten präzise Darstellungen der Filme Wolfs sucht, wird nicht fündig werden. Nicht einmal für eine Filmographie, auch nicht für eine biographische Übersicht wollten die Autoren Platz verschwenden. Kein einziges Foto erinnert an Atmosphäre und Stil von Wolfs Inszenierungsarbeit. Zuweilen muß der Leser zu einem Lexikon greifen, um das Entstehungsjahr eines Films zu erfahren. Wie kurz oder wie ausführlich sie einen Film abhandeln, verrät viel über die Vorliebe der Autoren, die sich vor allem eines zugestehen: Subjektivität. Das rückt ihr Buch in die Nähe einer Romanbiographie.

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