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: Die Zeitsparkasse gleicht der Rentenkasse

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Wenn man diesen Mechanismus durchschaut hat, läßt sich das Tempo der inneren Uhr manipulieren. Klein schlägt vor, in Situationen, in denen die Stunden wie Minuten verfliegen, das Auge für die Zeichen des Zeitvergehens zu schärfen. Es bleibt die Frage, ob ein geschärfter Sinn für Vergänglichkeit nicht die Intensität abtötet: Wer will schon beim ersten Rendezvous, nur um das eigene Zentralnervensystem zur Entschleunigung des Abends zu zwingen, ständig die Schritte des Kellners abzählen? Schließlich verhält sich das Gehirn, wenn man Klein glauben darf, im Alltag oft genug wie ein unterbeschäftigter Angestellter, der Büroklammern verbiegt, um der ungefilterten Gegenwart auszuweichen.

Auch wenn die Tipps und Tricks, die Stefan Klein gibt, nicht immer so augenöffnend wirken wie die zuvor gelieferten Erkenntnisse; auch wenn man viele seiner Gedanken mit entsprechenden Zeitreserven bei Augustinus, Bergson oder Husserl nachschlagen könnte; auch wenn die Ratschläge mitunter ("Überlassen Sie sich einmal dem Nichtstun!") nach französischer Zigarettenwerbung klingen: Grundsätzlich ist das Plädoyer für die Aufwertung des inneren Zeittakts ebenso spannend wie erfrischend, gerade als Gegengewicht zum Herrschaftswissen der allgegenwärtigen Zeitmanager.

Klein weist sehr anschaulich nach, welche Verheerungen der von "Morgenmenschen" diktierte Terminkalender stiftet - und wie sinnlos es ist, wenn "Abendmenschen" sich gegen ihre genetische Veranlagung in dieses Raster zwängen. Die biologische Uhr, die jeden Morgen im Schlaf durch die ersten Sonnenstrahlen gestellt wird, braucht bei den "Eulen" für eine Umdrehung halt vierundzwanzigeinhalb Stunden. Um die Körperuhr in einer möglichst frühen Phase des Schlafes um eine halbe Stunde "zurückzustellen", müssen Abendmenschen - zu denen fast alle Pubertierenden gehören - spät ins Bett gehen. An amerikanischen Schulen, die den Unterrichtsbeginn auf 9 Uhr 40 verlegten, stieg der Leistungsdurchschnitt um eine Note an.

In der objektiven Zeit war der Mensch noch nie zu Hause. Schließlich reisen selbst die Neuronen in den Nervenbahnen nur mit einer Geschwindigkeit von hundert Metern pro Sekunde - im kosmischen Maßstab eine Schneckenpost - und kommen somit grundsätzlich zu spät. Ein griechischer Bauer bewegt sich im Vergleich zu einem japanischen Städtebewohner wie in Zeitlupe, nämlich halb so schnell - und wenn ein schwerer Lastwagen an uns vorbeibrettert, verlangsamt seine Masse nach Einsteins Relativitätstheorie sogar unsere vom Großvater geerbte Armbanduhr um eine klitzekleine Einheit. Es bringt nicht allzu viel, sich in solch einem Universum um eherne Zeitdisziplin zu bemühen.

Stefan Klein: "Zeit". Der Stoff, aus dem das Leben ist. Eine Gebrauchsanleitung. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006. 320 S., geb., 18,90 [Euro].

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