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: Die Wirklichkeit ohne Begleitoffizier

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Warum ragt dieses Buch aus der Fülle der kritischen Bücher heraus, die zum Irak-Krieg und zur Dämonisierung der muslimischen Welt vorliegen? Weil es in Form und Inhalt etwas Bezwingendes hat. Es ist nicht nur sehr spannend geschrieben (der Autor hat ein Händchen für Dramaturgisches), es zeigt das Verhältnis zwischen Orient und Okzident in neuer Optik.

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          Warum ragt dieses Buch aus der Fülle der kritischen Bücher heraus, die zum Irak-Krieg und zur Dämonisierung der muslimischen Welt vorliegen? Weil es in Form und Inhalt etwas Bezwingendes hat. Es ist nicht nur sehr spannend geschrieben (der Autor hat ein Händchen für Dramaturgisches), es zeigt das Verhältnis zwischen Orient und Okzident in neuer Optik. Klischees der Fernseh-Berichterstattung, die Gewissheiten bornierter Leitartikel werden über den Haufen geworfen. "Warum tötest du, Zaid?" ist ein Buch, das uns die Welt mit anderen Augen sehen lässt.

          Natürlich hat man manches von dem, was Jürgen Todenhöfer beschreibt, hier und dort schon mal gelesen. Das Umstürzende an diesem Buch sind nicht einzelne gemeinhin unterbelichtete Fakten, die hier verdienstvollerweise ins helle Licht gestellt werden. Nein, das Umstürzende ist die konzentrierte Zusammenschau dieser Fakten auf engstem Raum. So dass man in den Zusammenhang beinahe hineingezwungen wird. Und sich daran gehindert sieht, bloß über medial Herausgeschnittenes zu reden. Indem Todenhöfer in der gedrängten Form eines programmatischen Nachworts das ganze Puzzle im Überblick präsentiert, verändert sich die Bedeutung jedes einzelnen Puzzlesteins, den wir schon zu kennen meinten.

          Der Autor nötigt uns, historische, politische, gesellschaftliche Zusammenhänge wahrzunehmen, die in der aktualistischen Fernseh-Berichterstattung etwa aus dem Irak systematisch ausgeblendet werden. Er bricht damit aus einem Medienformat aus, in welchem das Kriegsgeschehen nur häppchenweise und damit hochmanipulativ gezeigt wird. Darin, in diesem vorsätzlichen Ausbruch aus Fragmentarischem, liegt die subversive Kraft, die aufklärerische Leistung des Buches. Der Autor führt uns auf eigene Faust zu Orten und Personen im Irak, zu denen die amerikanischen Presseoffiziere die eingebetteten ("embedded") Journalisten nie führen würden.

          Auf eigene Faust: Todenhöfer, der schon zwei Bestseller über den Afghanistan- und den Irak-Krieg verfasst hatte, war es im letzten Jahr gelungen, undercover nach Ramadi, 110 Kilometer westlich von Bagdad, zu gelangen. Dank eines Visums, das er über eine Kinderhilfsorganisation erhalten hatte. Dort traf er mit irakischen Widerstandskämpfern aus baathischen, nationalistischen und gemäßigt islamischen Gruppen zusammen. Dieser Widerstand, dem beinahe jeder irakische Haushalt auf die ein oder andere Weise verbunden ist, kämpft nicht nur gegen die amerikanischen Besatzer, sondern auch gegen die - größtenteils ausländischen - Terroristen von Al Qaida, kann also nicht mit diesen in einen Topf geworfen werden, wie es das Informationsmonopol des Pentagon vorspiegelt. Anhand von erschütternden Schicksalen irakischer Familien, die tagtäglich durch Schüsse amerikanischer Soldaten dezimiert werden, entsteht in diesem Buch ein anderes Bild von der Situation im Krisengebiet, ein Bild, das mit den meisten Medienbildern kaum etwas zu tun hat. Zaid ist ein Pseudonym für einen zweiundzwanzigjährigen Iraker, der sich dem Widerstand anschließt, nachdem seine beiden Brüder von amerikanischen GIs erschossen wurden.

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