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: Die Widersprüchlichkeit der Wahrheit

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Der medienwirksame Auftritt war genau ihre Sache. Sie war eigenwillig, impulsiv und unbeliebt, während der acht Jahre, die sie als Chefanklägerin des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag agierte. Und wenn sie, in all diesen Jahren, ihre Bühne im Namen der Gerechtigkeit nutzte, dann verschmolz ihre Person ...

          6 Min.

          Der medienwirksame Auftritt war genau ihre Sache. Sie war eigenwillig, impulsiv und unbeliebt, während der acht Jahre, die sie als Chefanklägerin des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag agierte. Und wenn sie, in all diesen Jahren, ihre Bühne im Namen der Gerechtigkeit nutzte, dann verschmolz ihre Person so sehr mit der Sache der Gerechtigkeit, dass man die Anklage der Verbrecher aus dem ehemaligen Jugoslawien von den Darbietungen eines großen Egos manchmal nicht mehr zu unterscheiden vermochte.

          Doch war das ihr Programm. Carla Del Ponte hat dem Gericht in Den Haag die bitter nötige Popularität verliehen. Dass, bis auf Ratko Mladic und Goran Hadzic, alle vom Tribunal Gesuchten sich mittlerweile vor dem Gericht in Den Haag befinden oder zumindest befunden haben, ist vor allem auch ihr Verdienst - trotz der "Muro di gomma", der "Gummiwand", die, wie sie es nennt, Politiker überall dort errichteten, wo sie auftauchte, um sie abprallen zu lassen. Es wäre irreführend, anzunehmen, es sei das Interesse der Balkan-Politiker an der Beschäftigung mit der Vergangenheit gewesen, die Carla Del Ponte während der Strafverfolgung die Türen öffnete. Das Gegenteil war der Fall. Das Zauberwort hieß "EU": Hätte die Europäische Union die angestrebte Integration der Balkan-Länder nicht von der Zusammenarbeit mit dem UN-Tribunal abhängig gemacht, wären die "Gummiwände" für Carla Del Ponte oft unüberwindlich gewesen.

          Dass die gebürtige Tessinerin jetzt, zusammen mit dem Journalisten Chuck Sudetic, ihre Autobiographie geschrieben hat, mit diesem Buch aber nicht öffentlich auftreten darf, dürfte ihr nicht gefallen. Ein Maulkorb passt nicht zu Carla Del Ponte. Allerdings ist die ehemalige Chefanklägerin inzwischen als Botschafterin der Schweiz in Argentinien tätig, und da ist Diplomatenetikette gefragt: Das Schweizer Departement für auswärtige Angelegenheiten hat ihr Lesungen nicht nur grundsätzlich untersagt, es hat sich auch von Del Pontes Buch distanziert; von einem Buch, das, als es vor einem Jahr in Italien erschien, für Aufregung vor allem wegen umstrittener Passagen über angeblichen Organhandel im Kosovo sorgte.

          Carla Del Ponte behauptet, dem Tribunal hätten Informationen vorgelegen, denen zufolge Kosovo-Albaner im Sommer 1999 nach Albanien verschleppten Serben ihre Organe entnommen und sie getötet hätten. "Glaubwürdige Journalisten" hätten von einem "gelben Haus" in der Nähe der nordalbanischen Stadt Burrel berichtet, in dem ein Zimmer in einen provisorischen Operationssaal umgewandelt worden sei. Ermittler untersuchten das Haus, auf dem Gelände gab es Indizien, Spritzen, Gaze, Infusionsbeutel, Blutspuren. Beweise aber gab es keine, die Journalisten nannten ihre Quellen nicht, ob das Blut von Menschen stammte, war nicht mehr festzustellen. Es sei, schreibt die Autorin, Aufgabe der Behörden im Kosovo, diesen Berichten weiter nachzugehen und, falls nötig, Anklage zu erheben. Allerdings ist die Beschäftigung mit den Verbrechen der UÇK-Rebellen an kosovarischen Serben in Prishtina alles andere als populär. Schon während des Den Haager Prozesses gegen den ehemaligen UÇK-Kommandeur Ramush Haradinaj, der nach dem Krieg in die Politik ging und sich gerne an der Seite des UN-Missionschefs Sören Jessen-Petersen zeigte (und umgekehrt), kamen Zeugen plötzlich um. Haradinaj wurde später freigesprochen.

          Die Louis-Vuitton-Frage.

          Aufgrund solcher Sackgassen, aufgrund der vielen politisch-diplomatischen Hindernisse, von denen Del Ponte berichtet, oder des lange vergeblichen Bemühens, Radovan Karadzic festzunehmen, könnte man vermuten, ihre Autobiographie "Im Namen der Anklage" sei, trotz der Erfolge, eine Geschichte des Scheiterns, das Dokument einer beschwerlichen Jagd, Zeugnis einer behäbig-bürokratischen Tribunalbehörde. Doch ist das bei Autobiographien ja selten der Fall. Schreiben Führungspersönlichkeiten wie Politiker, Manager oder hohe Beamte in der Lebensmitte ihre Memoiren, gehorchen diese eigentlich grundsätzlich dem Prinzip der Erfolgsgeschichte. Immer findet man einen roten Faden, der sich aus der Kindheit bis auf den Chefsessel nachvollziehen lässt; unermüdlich geht es um das Bestreben nach Kohärenz. Und genau das ist es, was dieses Genre so oft so langweilig macht.

          Das heißt nicht, dass das, was Carla Del Ponte erzählt, uninteressant wäre. Man erfährt viel Erhellendes über Zoran Djindjic, Ernüchterndes über die nationalistische Politik von Kostunica oder über die problematischen Strukturen eines Tribunals, in welchem so unterschiedliche Rechtsvorstellungen wie die des angelsächsischen Common Law und des kontinentaleuropäischen Rechtssystems aufeinanderprallen. Was stört, ist nicht, was, sondern wie die Autorin erzählt. Wie sie sich stilisiert, als unerschrockene Giftschlangenjägerin schon in ihrer Kindheit im Tessin; wie sie den Respekt betont, den ihre Brüder der unerschrockenen Schwester entgegenbringen; wie sie mondän im Männermilieu ständig ihre Louis-Vuitton-Tasche schultert und ohne verzweifeltes Hadern oder Anflüge von Selbstzweifel scheinbar erhaben ihren Weg geht. Carla Del Ponte will unbedingt eine souveräne Erzählerin sein, selbst da, wo diese Souveränität im krassen Widerspruch zum erzählten Gegenstand steht. Warum?

          Wer bei der Berlinale den Film "Sturm" des Regisseurs Hans-Christian Schmid gesehen hat, der im Herbst in die Kinos kommt und der, ohne jede Anspielung auf Carla Del Ponte, von einer Den Haager Anklägerin erzählt, von ihrer Zerrissenheit, ihren politischen Abhängigkeiten, der glaubte, nach dieser psychologisch so dicht inszenierten und genau recherchierten Kinofiktion sehr viel mehr begriffen zu haben als nach der Lektüre von Del Pontes Memoiren. Die nahtlose Kohärenz der Autobiographie, die ihrerseits nicht anders als politisch verstanden werden kann, geht mit der komplexen Widersprüchlichkeit der Balkan-Geschichte nicht zusammen. Es ist einfach das falsche Genre. Wer mehr wissen will, sucht nach erkenntnisstiftenderen Formen des Erzählens.

          "Srebrenica - Ein Prozess" heißt eins der besten Bücher über das Tribunal in Den Haag, das vor mittlerweile sieben Jahren Julija Bogoeva und Caroline Fetscher herausgegeben haben, eine Dokumentensammlung über das Verfahren gegen den General Radislav Krstic, die, akribisch kommentiert, vor allem Material sprechen lässt, Protokolle der Anhörungen und des Prozesses. In diesem Buch schrieb damals ein junger Journalist die Einleitung, Emir Suljagic, ein Bosnier, der für die in Sarajevo erscheinende Wochenzeitung "Dani" aus Den Haag berichtete und der mit zwanzig das Massaker von Srebrenica überlebte. Suljagic hat jetzt ein eigenes Buch geschrieben, "Srebrenica - Notizen aus der Hölle", eine Erinnerung und ein Bericht, eine Kriegserzählung, die sich in ihrer nüchtern-poetischen Sprache im Grenzbereich des Literarischen bewegt und vor allem aufgrund ihrer Perspektive von so besonderer Eindringlichkeit ist.

          Überleben als Zufall.

          Denn obwohl Suljagic, der das Massaker von 1995 nur überlebte, weil er als Dolmetscher bei der niederländischen UN-Truppe Arbeit fand und weil Ratko Mladic ihn aus einer bloßen Laune heraus laufen ließ, zu den Opfern des Krieges gehört (sein Vater fiel 1992 an der Front, alle seine männlichen Verwandten, seine Freunde kamen in Srebrenica um), geht es ihm gar nicht um moralische Überlegenheit. Wenn er die drei Jahre schildert, in denen er, zunächst mit seiner Mutter und Schwester, die dann ausreisen konnten, in der "Enklave" eingeschlossen war; wenn er davon erzählt, wie sie kein Salz mehr hatten, davon fast irre wurden, bis sie irgendwann anfingen, das Streusalz vom Winter abzukochen; wenn er beobachtet, wie allmählich das Sterben zur Normalität wurde - dann steht die Reflexion dessen, was der Krieg mit Menschen macht, für ihn immer im Vordergrund: "Die Serben behandelten uns wie Tiere, und wir begannen uns nach einer gewissen Zeit, wie Tiere zu benehmen", heißt es bei Suljagic. Oder: "Wir wurden den Serben immer ähnlicher, wir wurden allmählich sie, beziehungsweise so, wie sie uns haben wollten. Vielleicht ist das früher passiert, als es irgendjemand erwartet hätte, aber das Opfer begann unter diesen Umständen unvermeidlich dem Mörder zu gleichen." Sein Buch ist auf diese Weise auch ein Buch über einen kleinen Krieg im großen.

          Michael Martens, Südosteuropa-Korrespondent dieser Zeitung, analysiert im Nachwort die Wichtigkeit dieser Perspektive: In der westlichen Berichterstattung über den Krieg in Bosnien, so Martens, sei eine Tendenz, die muslimischen Bosniaken zu besseren Menschen zu verklären, nicht selten zu spüren gewesen. Wer sich verteidigt, lautete die Logik, könne keine Verbrechen begehen. "Für das menschliche Zusammenleben mag eine solche Verbrüderung mit den Opfern unverzichtbar sein. Die Welt würde zu einer darwinistischen Eiswüste, wenn es diese Empathie nicht gäbe. In der Rückschau aber kann dieses Mitgefühl die klare Sicht auf die Dinge verstellen."

          Emir Suljagic arbeitet heute als Berater von Alija Behmen, Bürgermeister von Sarajevo und Vizepräsident der Sozialdemokraten in Bosnien-Hercegovina. Seine Berichterstattung vom Tribunal in Den Haag brach er ab, als er sich während des Prozesses gegen Slobodan Milosevic vor einer Re-Traumatisierung schützen wollte. Er hofft weiter, dass Mladic festgenommen wird. "Für die Opfer", sagt er, "ist das enorm wichtig, obwohl ich befürchte, dass auch dieser Prozess instrumentalisiert würde und viel mehr mit den angeblichen Errungenschaften der internationalen Justizbehörden zu tun hätte als mit wirklicher Gerechtigkeit."

          Gerechtigkeit, das ist für ihn immer auch eine Frage der Sprache. Wenn er schreibt, schaut er die Wörter so lange an, bis sie zurückschauen: "Enklave", "UN-Schutzzone", "entmilitarisierte Zone". Alle sind sie falsch. Emir Suljagic hadert mit dem, was Carla Del Ponte so leicht über die Lippen geht.

          JULIA ENCKE.

          Carla Del Ponte / Chuck Sudetic: "Im Namen der Anklage. Meine Jagd auf Kriegsverbrecher und die Suche nach Gerechtigkeit". S.-Fischer-Verlag, 518 Seiten, 22,95 Euro.

          Emir Suljagic: "Srebrenica - Notizen aus der Hölle". Zsolnay-Verlag, 238 Seiten, 17,90 Euro

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