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: Die Widersprüchlichkeit der Wahrheit

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Überleben als Zufall.

Denn obwohl Suljagic, der das Massaker von 1995 nur überlebte, weil er als Dolmetscher bei der niederländischen UN-Truppe Arbeit fand und weil Ratko Mladic ihn aus einer bloßen Laune heraus laufen ließ, zu den Opfern des Krieges gehört (sein Vater fiel 1992 an der Front, alle seine männlichen Verwandten, seine Freunde kamen in Srebrenica um), geht es ihm gar nicht um moralische Überlegenheit. Wenn er die drei Jahre schildert, in denen er, zunächst mit seiner Mutter und Schwester, die dann ausreisen konnten, in der "Enklave" eingeschlossen war; wenn er davon erzählt, wie sie kein Salz mehr hatten, davon fast irre wurden, bis sie irgendwann anfingen, das Streusalz vom Winter abzukochen; wenn er beobachtet, wie allmählich das Sterben zur Normalität wurde - dann steht die Reflexion dessen, was der Krieg mit Menschen macht, für ihn immer im Vordergrund: "Die Serben behandelten uns wie Tiere, und wir begannen uns nach einer gewissen Zeit, wie Tiere zu benehmen", heißt es bei Suljagic. Oder: "Wir wurden den Serben immer ähnlicher, wir wurden allmählich sie, beziehungsweise so, wie sie uns haben wollten. Vielleicht ist das früher passiert, als es irgendjemand erwartet hätte, aber das Opfer begann unter diesen Umständen unvermeidlich dem Mörder zu gleichen." Sein Buch ist auf diese Weise auch ein Buch über einen kleinen Krieg im großen.

Michael Martens, Südosteuropa-Korrespondent dieser Zeitung, analysiert im Nachwort die Wichtigkeit dieser Perspektive: In der westlichen Berichterstattung über den Krieg in Bosnien, so Martens, sei eine Tendenz, die muslimischen Bosniaken zu besseren Menschen zu verklären, nicht selten zu spüren gewesen. Wer sich verteidigt, lautete die Logik, könne keine Verbrechen begehen. "Für das menschliche Zusammenleben mag eine solche Verbrüderung mit den Opfern unverzichtbar sein. Die Welt würde zu einer darwinistischen Eiswüste, wenn es diese Empathie nicht gäbe. In der Rückschau aber kann dieses Mitgefühl die klare Sicht auf die Dinge verstellen."

Emir Suljagic arbeitet heute als Berater von Alija Behmen, Bürgermeister von Sarajevo und Vizepräsident der Sozialdemokraten in Bosnien-Hercegovina. Seine Berichterstattung vom Tribunal in Den Haag brach er ab, als er sich während des Prozesses gegen Slobodan Milosevic vor einer Re-Traumatisierung schützen wollte. Er hofft weiter, dass Mladic festgenommen wird. "Für die Opfer", sagt er, "ist das enorm wichtig, obwohl ich befürchte, dass auch dieser Prozess instrumentalisiert würde und viel mehr mit den angeblichen Errungenschaften der internationalen Justizbehörden zu tun hätte als mit wirklicher Gerechtigkeit."

Gerechtigkeit, das ist für ihn immer auch eine Frage der Sprache. Wenn er schreibt, schaut er die Wörter so lange an, bis sie zurückschauen: "Enklave", "UN-Schutzzone", "entmilitarisierte Zone". Alle sind sie falsch. Emir Suljagic hadert mit dem, was Carla Del Ponte so leicht über die Lippen geht.

JULIA ENCKE.

Carla Del Ponte / Chuck Sudetic: "Im Namen der Anklage. Meine Jagd auf Kriegsverbrecher und die Suche nach Gerechtigkeit". S.-Fischer-Verlag, 518 Seiten, 22,95 Euro.

Emir Suljagic: "Srebrenica - Notizen aus der Hölle". Zsolnay-Verlag, 238 Seiten, 17,90 Euro

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