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: Die Widersprüchlichkeit der Wahrheit

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Aufgrund solcher Sackgassen, aufgrund der vielen politisch-diplomatischen Hindernisse, von denen Del Ponte berichtet, oder des lange vergeblichen Bemühens, Radovan Karadzic festzunehmen, könnte man vermuten, ihre Autobiographie "Im Namen der Anklage" sei, trotz der Erfolge, eine Geschichte des Scheiterns, das Dokument einer beschwerlichen Jagd, Zeugnis einer behäbig-bürokratischen Tribunalbehörde. Doch ist das bei Autobiographien ja selten der Fall. Schreiben Führungspersönlichkeiten wie Politiker, Manager oder hohe Beamte in der Lebensmitte ihre Memoiren, gehorchen diese eigentlich grundsätzlich dem Prinzip der Erfolgsgeschichte. Immer findet man einen roten Faden, der sich aus der Kindheit bis auf den Chefsessel nachvollziehen lässt; unermüdlich geht es um das Bestreben nach Kohärenz. Und genau das ist es, was dieses Genre so oft so langweilig macht.

Das heißt nicht, dass das, was Carla Del Ponte erzählt, uninteressant wäre. Man erfährt viel Erhellendes über Zoran Djindjic, Ernüchterndes über die nationalistische Politik von Kostunica oder über die problematischen Strukturen eines Tribunals, in welchem so unterschiedliche Rechtsvorstellungen wie die des angelsächsischen Common Law und des kontinentaleuropäischen Rechtssystems aufeinanderprallen. Was stört, ist nicht, was, sondern wie die Autorin erzählt. Wie sie sich stilisiert, als unerschrockene Giftschlangenjägerin schon in ihrer Kindheit im Tessin; wie sie den Respekt betont, den ihre Brüder der unerschrockenen Schwester entgegenbringen; wie sie mondän im Männermilieu ständig ihre Louis-Vuitton-Tasche schultert und ohne verzweifeltes Hadern oder Anflüge von Selbstzweifel scheinbar erhaben ihren Weg geht. Carla Del Ponte will unbedingt eine souveräne Erzählerin sein, selbst da, wo diese Souveränität im krassen Widerspruch zum erzählten Gegenstand steht. Warum?

Wer bei der Berlinale den Film "Sturm" des Regisseurs Hans-Christian Schmid gesehen hat, der im Herbst in die Kinos kommt und der, ohne jede Anspielung auf Carla Del Ponte, von einer Den Haager Anklägerin erzählt, von ihrer Zerrissenheit, ihren politischen Abhängigkeiten, der glaubte, nach dieser psychologisch so dicht inszenierten und genau recherchierten Kinofiktion sehr viel mehr begriffen zu haben als nach der Lektüre von Del Pontes Memoiren. Die nahtlose Kohärenz der Autobiographie, die ihrerseits nicht anders als politisch verstanden werden kann, geht mit der komplexen Widersprüchlichkeit der Balkan-Geschichte nicht zusammen. Es ist einfach das falsche Genre. Wer mehr wissen will, sucht nach erkenntnisstiftenderen Formen des Erzählens.

"Srebrenica - Ein Prozess" heißt eins der besten Bücher über das Tribunal in Den Haag, das vor mittlerweile sieben Jahren Julija Bogoeva und Caroline Fetscher herausgegeben haben, eine Dokumentensammlung über das Verfahren gegen den General Radislav Krstic, die, akribisch kommentiert, vor allem Material sprechen lässt, Protokolle der Anhörungen und des Prozesses. In diesem Buch schrieb damals ein junger Journalist die Einleitung, Emir Suljagic, ein Bosnier, der für die in Sarajevo erscheinende Wochenzeitung "Dani" aus Den Haag berichtete und der mit zwanzig das Massaker von Srebrenica überlebte. Suljagic hat jetzt ein eigenes Buch geschrieben, "Srebrenica - Notizen aus der Hölle", eine Erinnerung und ein Bericht, eine Kriegserzählung, die sich in ihrer nüchtern-poetischen Sprache im Grenzbereich des Literarischen bewegt und vor allem aufgrund ihrer Perspektive von so besonderer Eindringlichkeit ist.

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