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: Die Welt ist für mich niemals ein feindlicher Ort gewesen

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Den Irrtum, gute Gedanken könnten den Menschen bessern, hat auch Hans Jonas begangen. Das muß man einräumen, wenn man seine Enttäuschung über das politische Debakel seines Lehrers Heidegger vernimmt - "das Einschwenken des tiefsten Denkers der Zeit in den tosenden Gleichschritt der braunen Bataillone" ...

          Den Irrtum, gute Gedanken könnten den Menschen bessern, hat auch Hans Jonas begangen. Das muß man einräumen, wenn man seine Enttäuschung über das politische Debakel seines Lehrers Heidegger vernimmt - "das Einschwenken des tiefsten Denkers der Zeit in den tosenden Gleichschritt der braunen Bataillone" -, ein Debakel, das Jonas eben nie nur als Irrweg einer Person, sondern "als katastrophales Debakel der Philosophie, als welthistorische Blamage, als Bankrott philosophischen Denkens" erschien. So wird es jetzt in den "Erinnerungen" des vor zehn Jahren verstorbenen Jonas erzählt, welche der in Mönchengladbach geborene jüdische Philosoph bereits 1989 im Gespräch mit Rachel Salamander auf dreiunddreißig Tonbänder sprach. Als Anlaß des zur Veröffentlichung bearbeiteten und mit bisher unbekanntem biographischen Archivmaterial ergänzten Textes hat man die hundertste Wiederkehr von Jonas' Geburtstag am 10. Mai gewählt. Zutreffend spricht Christian Wiese im Nachwort von einem "faszinierenden Ineinander von biographischer Erzählung, Exil-Literatur, Liebesgeschichte, Philosophiegeschichte, historischer Reflexion und Philosophie in actu".

          Was es mit dem Verhältnis von Philosophie und Leben auf sich hat, beschreibt Jonas am Beispiel von Heideggers brauner Kehre näherhin so: "Ich hegte damals die Vorstellung, vor so etwas sollte die Philosophie schützen, dagegen sollte sie den Geist feien. Ja, ich war sogar überzeugt, daß der Umgang mit den höchsten, wichtigsten Dingen den Geist eines Menschen adelt und auch die Seele besser macht. Und nun erkannte ich, daß die Philosophie das offenbar nicht getan, diesen Geist nicht vor dem Irrweg geschützt hatte, Hitler seinen Beitrag zu zollen, ihn sogar offenbar, wenn die Leute recht hatten, mit denen ich sprach, dazu prädisponiert hatte." Die offenkundig zu hoch gespannten Erwartungen, die Jonas mit der Philosophie verknüpfte, verdanken sich bei ihm freilich nicht irgendeiner utopischen Schwärmerei, sondern einem äußerst sympathischen blinden Fleck. Man möchte nach Lektüre der Lebenserinnerungen sogar sagen, daß es die falsche Bescheidenheit in bezug auf seine eigene Person war, die ihn nicht wahrhaben lassen wollte, was doch an ihr klar ablesbar gewesen ist: Welche Philosophie einer treibt, hängt davon ab, was für ein Mensch er ist - und nicht umgekehrt.

          Jonas war - das kann man, das muß man in seinem Fall einfach so aussprechen - ein guter Mensch. Soll man sagen: Er hatte einen Zug ins Goldige? Zeitlebens bewahrte er sich einen kindlichen Blick, der ihn die Dinge immer wieder wie neu ansehen ließ. Und er hat ganz offensichtlich das Kunststück vollbracht, weniger als andere empfindende Geister von den eigenen Abgründen gefangengenommen zu werden, ohne daß diese ominöse Unversehrtheit seine Erfahrungsfähigkeit beeinträchtigt hätte. Es ist in dieser Hinsicht aufschlußreich, was Jonas über die Konstellation seiner Ehe sagt. Seit 1943 war er mit Lore Jonas verheiratet, mit der er drei Kinder hatte. Sie hat "ein Empfinden tief in sich, was bei mir niemals richtig eingeschlagen hat" und das er gerade deshalb als eine der Eigenschaften beschreibt, die ihn an ihr anzogen: "dieses Entfremdungsgefühl, wonach der Mensch ungefragt in diese Welt hineingeworfen ist und sich einem fremden, feindlichen oder sogar absurden Universum gegenübersieht". Ebendieses Gefühl schien er selbst nicht zu kennen, durchgreifend selbst nach der Ermordung seiner Mutter in Auschwitz nicht. Ich muß, erklärte er seiner Frau, "bei mir sehr suchen, um ein tragisches Element in meinem Leben wie in meinem Verhältnis zur Welt zu finden, wenn ich von dem Verlust meiner Mutter und von dem absehe, was jeder Jude mit dem Holocaust mit sich herumträgt. Aber die Welt ist für mich, obwohl auf ihr natürlich furchtbare Dinge geschehen, niemals ein feindlicher Ort gewesen."

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