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: Die totale Sensibilisierung preisen

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Eine der weitreichenden Folgen der Lehre Johann Joachim Winckelmanns hat Hans Sedlmayr einmal in denkbar knapper Form formuliert: Durch ihn habe die neue Kunstgeschichtsschreibung an direktem Interesse für die Künstlerschaft verloren. Sein berühmtes, 1764 in der "Geschichte der Kunst des Altertums" ...

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          Eine der weitreichenden Folgen der Lehre Johann Joachim Winckelmanns hat Hans Sedlmayr einmal in denkbar knapper Form formuliert: Durch ihn habe die neue Kunstgeschichtsschreibung an direktem Interesse für die Künstlerschaft verloren. Sein berühmtes, 1764 in der "Geschichte der Kunst des Altertums" zum ersten Mal durchgeführtes entwicklungsgeschichtliches Schema erledigte nicht nur die alte Künstlerbiographie und brachte die Künstler selbst in ein vermitteltes Verhältnis zur Kunst der Vergangenheit. Der Königsweg der Annäherung an die Kunst war fortan die vergleichende und chronologische Ordnung ihrer Werke.

          Der Erfolg dieser neuen Betrachtungs- und Darstellungsweise machte die Kunsthistoriker zu Souveränen im Reich der Kunst, mit einer Machtbefugnis, wie sie keiner der Kunstkenner, die ihnen vorausgegangen waren, je gehabt hatte. Der Erfinder dieser neuen Kunstgeschichte wurde dadurch zu einer Art Überkünstler. So ist es kein Zufall, daß er selbst zum Gegenstand einer dreibändigen Biographie "Winckelmann und seine Zeitgenossen" von Carl Justi wurde. Im Geiste Winckelmanns war auch dies gewesen, wie schon Goethes "Winckelmann und sein Jahrhundert".

          Kanonisierung und Idealisierung taten das Ihre, um die Gestalt Winckelmanns über die armseligen und am Ende bescheidenen Lebensumstände zu erheben. Dabei sind es gerade die elenden Voraussetzungen des 1717 in Stendal geborenen Schustersohnes, die seine Biographie zu einem reizvollen Studienobjekt machen sollte. Daß einer aus der Altmark den Weg nach Rom, nach Neapel findet, daß der immer von Gönnern abhängige Hauslehrer, Bibliothekar, Fremdenführer auf eigene Faust seine Kunstforschungen betreibt, sie als unentwegt Lesender in Bibliotheken und Kunstsammlungen so weit vervollkommnet, daß er sich schließlich ganz aus eigener Kraft zu einer gesamteuropäischen Kunstautorität aufschwingen kann, all dies ist schon ein so reizvoller und ungewöhnlicher biographischer Stoff, daß es verwundert, wenn nur ein halbes Dutzend Biographien in diese Wunderwelt hineingeleuchtet haben.

          Aber da ist noch Winckelmanns Ermordung im Juni 1768 in Triest, die, ob zu Recht oder Unrecht, mit seiner homosexuellen Veranlagung in Zusammenhang gebracht wurde. Dieser andere, verborgene Winckelmann, der Außenseiter, ist zum biographischen Thema geworden, nachdem der Glanz der klassischen Kunstperiode verblaßte. Nachdem Hans Mayer und Heinrich Detering sich dieses "offenen Geheimnisses" angenommen haben, ist auch die Biographie von Wolfgang von Wangenheim über weite Strecken ein Versuch, die sexuellen Antriebe der Winckelmannschen Forschungen freizulegen.

          Seine Kunstforschung mit ihrer Begeisterung für das männliche "Nackende" bei den Griechen erscheint von einer Leidenschaft beflügelt, die die Impulse von Sexualität, Freundschaft, Liebe direkt in die Kunstbetrachtung lenkt. Dabei hat Winckelmann selbst, der über seine Homosexualität kaum je ein Wort verlor (und in dem Rom, in dem er lebte, auch nicht zu verlieren brauchte), dennoch in einem von Casanova überlieferten Gespräch den Zusammenhang seiner sexuellen und geistigen Konstitution unübertroffen formuliert, als von seiner Leidenschaft sprach, die er zu seinem Studium machen und niemals aus den Augen verlieren wolle: "passion qui fera mon étude unique et que je ne perdrai jamais de vue".

          Auch eine der seltenen explizit autobiographischen Äußerungen Winckelmanns schlägt diesen Bogen vom Trieb zu den ihn bewegenden Lebensgedanken, wenn er anläßlich einer Betrachtung der seiner Ansicht nach ältesten griechischen Statuen, der Tyrannenmörder und Demokratiegründer Harmodios und Aristogeiton, bekennt: "denn ich bin wie ein wildes Kraut, meinem eigenen Triebe überlassen, aufgewachsen, und ich glaube im Stande gewesen zu sein, einen andern und mich selbst aufzuopfern, wenn Mördern der Tyrannen Ehrensäulen gesetzt würden." Trieb, Terror und Freiheit - nicht umsonst erkannte die Französische Revolution in Winckelmann einen ihrer Helden.

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