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: »DIE TAGEBÜCHER« VON THOMAS MANN

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Mein Lieblingsbuch paßt nicht auf den Nachttisch, denn es umfaßt zehn Bände. Doch ich lese immer wieder in den "Tagebüchern" Thomas Manns. Sie haben mich zur Lektüre seiner Romane zurückgeführt, besonders zum "Zauberberg". Und merkwürdig: die Innenansicht des Zauberers hat mir seine Leistung nur noch erstaunlicher und verehrungswürdiger gemacht.

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          Mein Lieblingsbuch paßt nicht auf den Nachttisch, denn es umfaßt zehn Bände. Doch ich lese immer wieder in den "Tagebüchern" Thomas Manns. Sie haben mich zur Lektüre seiner Romane zurückgeführt, besonders zum "Zauberberg". Und merkwürdig: die Innenansicht des Zauberers hat mir seine Leistung nur noch erstaunlicher und verehrungswürdiger gemacht. Und ihn selbst auch.

          Er ist mir, mit Clawdia Chauchat zu reden, menschlich geworden. Wir glaubten den disziplinierten Leistungsethiker zu kennen. Nun kennen wir den Preis, nun rührt uns auch der alte Mann, der keine Pläne mehr hat und bloß noch ein "Nachleben" führt. Um Thomas Manns wirkliches Nachleben kann uns seit dem Vermächtnis seiner Tagebücher nicht mehr bange sein. "Without literary value", hatte er auf das verschnürte Paket seiner Wachstuchhefte geschrieben und es der Nachwelt überantwortet. Damit auch seine entscheidende Intention, seinen Wunsch: "daß die Welt mich kenne".

          Kennt sie ihn nun? "Kein Lebensbau ohne ein Blaubartzimmer", hat Tochter Erika gesagt. Ein Hauch, der schaudern macht, trifft auch den Leser der Tagebücher: die Kälte des Artisten gegen seine Freunde, ja seine Nächsten. Wenngleich mit Ausnahmen: wie Tochter Erika und (sagen wir's ruhig) seine Pudel. Ja, auch Katia, deren Namen er lebenslang Katja schreibt oder K. abkürzt, gehört dazu. Ich liebe auch den unfreiwillig komischen Ausdruck der Dankbarkeit. "Massage mit dem elektrischen Bügeleisen durch K.", heißt es einmal. Soviel Indizien für Kälte, Narzißmus und Eitelkeit die Tagebücher auch bringen - am Ende sind sie alle peripher.

          Thomas Mann wollte ein Liebender sein. Seine Liebe war tägliche Sorge oder verheimlichte Passion. Das Blaubartzimmer gehörte zu einem Lebensbau, der als Haus des Lebens gedacht war. Der Schreiber der Tagebücher ließ leiden und wußte das, aber er litt im Zweifelsfall selbst mehr. Er haßte Nazideutschland und gestattete sich in seinen Aufzeichnungen Rachewünsche, die er nie drucken ließ. Auch sein Leiden an Deutschland war Liebe. Als sein Tagebuch abbricht, notiert Thomas Mann noch quasi goethesch: "Langsam wird es sich lichten." Aber dann folgt "Verdauungssorgen und Plagen". Soviel zum letzten Wort. - P.S.: Hat mein Lieblingsbuch irgendeinen Mangel? Ja. Es fehlen ihm jene Hefte, die Thomas Mann in Pacific Palisades am 21. Mai 1945 dem Ofen im Garten anvertraute.

          HARALD HARTUNG

          Informationen zu "Unsere Besten - Das große Lesen", einer gemeinsamen Aktion von ZDF und F.A.Z., finden sich im Internet unter www.faz.net/lesen.

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