https://www.faz.net/-gr3-w0j3

: Die Spur der Wäsche

  • Aktualisiert am

Wer im Jahr 2007 ein Buch über die Mafia veröffentlicht und es "Der Pate" nennt, scheint mehr auf Dichtung als auf Wahrheit aus zu sein. Denn dieser Titel ist prominent besetzt: Das 1969 erschienene Familienepos "Der Pate" von Mario Puzo ist der internationale Bestseller über die größte Verbrecherorganisation der ...

          4 Min.

          Wer im Jahr 2007 ein Buch über die Mafia veröffentlicht und es "Der Pate" nennt, scheint mehr auf Dichtung als auf Wahrheit aus zu sein. Denn dieser Titel ist prominent besetzt: Das 1969 erschienene Familienepos "Der Pate" von Mario Puzo ist der internationale Bestseller über die größte Verbrecherorganisation der Welt und dürfte, mythenbildend und mit Marlon Brando verfilmt, für die meisten seiner Leser auch schon alles sein, was sie über die Mafia wissen. Henning Klüver hängt, als würde er zum dramatischen Finale das Genre wechseln, noch einen "letzten Akt" an, um erst im Untertitel auf die journalistische Ebene hinabzusteigen, auf der er sich dem Thema nähert: "Eine Reise ins Land der Cosa nostra." Denn es ist ein realer und bestimmter Pate, den Klüver ins Visier nimmt: Bernardo Provenzano wurde, nach dreiundvierzig Jahren im Untergrund, am 11. April 2006 in einem Feldhaus nahe seiner Heimatstadt Corleone aufgespürt. Dass sich für den 1933 geborenen Boss der Bosse, der seitdem in Terni im Gefängnis sitzt, der Vorhang seiner beispiellosen Verbrecherkarriere geschlossen hat, ist unwiderruflich. Ob der Padrino der Corleonesen, der die Repräsentanten des Staates aus der Schusslinie nahm und diese "Pax mafiosa" mit einer Strategie der chamäleonartigen Anpassung und gesellschaftlichen Unterwanderung verknüpfte, auch der letzte Pate war und dies womöglich das Ende der Organisation bedeutet, ist die Frage, die Klüver zum Leitmotiv erhebt.

          Der Autor ist Journalist und kein Historiker, und darin liegen Stärken und Schwächen seines Buches begründet: Als Reportagen geschrieben, verdichten sich die Kapitel nicht zu einer tiefenscharfen Diagnose. In der Reihung häufen sich die Redundanzen, und dass die Unterschriften der Fotos von Giovanni Falcone und dem "Boss der Bauernbande: Luciano Liggio" vertauscht wurden, ist mehr als peinlich. Die Verhaftung von Provenzano wurde schon mehrfach erzählt, doch wie Klüver der "Spur der Wäsche", die zu dem Versteck führte, nachgeht, liest sich in seiner Schilderung, als wäre er neben Commissario Cortese im Zivilfahrzeug der Kriminalpolizei gesessen, das spannendste Kapitel des Buches. Die Geschichte der "ehrenwerten Gesellschaft", von ihren Wurzeln in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts bis zum ersten Mafiakrieg Ende der sechziger Jahre, wird nur skizziert und mutet fast wie ein Abriss von John Dickies profunder Studie "Cosa nostra" (Frankfurt a. M., 2006) an.

          Die biographische Fokussierung auf Provenzano, sein Werdegang vom Bauernsohn ohne Schulabschluss zum mächtigen Paten, bringt eine verkürzende Personalisierung mit sich, erhebt die Figur aber auch zur Allegorie: Die Karriere vom brutalen Killer zum Auftraggeber, der mit einer Zettelwirtschaft verschlüsselter Geheimschriften seine Anweisungen gibt, spiegelt Tendenzen in der Entwicklung der sizilianischen Mafia insgesamt. Die Anschläge auf Giovanni Falcone und Paolo Borsellino 1992 erzwangen eine Neuorientierung, mit der sich die Organisation, auch angesichts des schwindenden Konsenses in der Bevölkerung, auf den langen Marsch durch die Institutionen begab und sie infiltriert.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Robert Habeck und Annalena Baerbock

          Hanks Welt : Immer eng am Zeitgeist

          Die Grünen waren zeitweise eine liberale Partei. Aber kann man die Partei heute (noch) wählen?

          Krise im deutschen Fußball : Die Nationalelf ist im freien Fall

          Seit dem WM-Sieg stürzt der Image-Wert des Nationalteams in den Keller, wie eine Umfrage belegt. Auch die Entfremdung von der Elf erreicht eine neue Dimension. Das hat nicht nur mit Niederlagen auf dem Rasen zu tun.
          Neue Hoffnung für die Blockchain: Kommt diesmal der Durchbruch?

          Zukunft der Computer : Bitcoin – Blockchain – Boom

          Der jüngste Kursanstieg der Kryptowährung lenkt den Blick auf eine Technologie, die gewaltiges Potential hat: Es geht um sichere Lieferketten, den digitalen Euro und mehr. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.