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Donald Trumps Rhetorik : Gerade weil er ein radikaler Sprechhandler ist

Sprachlich wirr, aber nicht ohne Botschaft: Donald Trump Bild: dpa

In ihrem Buch „Die Sprache des Donald Trump“ nimmt sich Bérengère Viennot den amerikanischen Präsidenten vor. Zu einer triftigen Analyse gelangt sie in ihrer Empörung nicht – und sie übersieht seine Tragik.

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          Angesichts der Grobheit seines Gegenstandes ist dieses Buch über Trumps Sprache trotz seiner Empörungsgeste erstaunlich zahnlos. Dabei ist die Ausgangssituation durchaus reizvoll. Denn die Autorin, Bérengère Viennot, ist eine französische Presseübersetzerin und damit Trumps Sprache nicht nur in ganzer Breite ausgeliefert, sondern auch – als die idealistische, sprachlich empfindliche Person, als die sie sich zu erkennen gibt – ein entschiedenes Gegenbild zu dem amerikanischen Oberalphatier.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Mit ihrer Empörung über Trump, gegen die ja nichts zu sagen wäre, wenn sie denn zumindest ansatzweise neu wäre, verfehlt Viennot jedoch den Kern von dessen Gefährlichkeit. Ihre Anprangerung seiner fehlenden moralischen Standards wirkt jedenfalls nach all dem, was bereits darüber geschrieben wurde, und angesichts der Tatsache, dass Trump mit der Empörung darüber spielt, naiv. Und ihre immer wieder klugen Beobachtungen drohen oft in der unstrukturierten Stofffülle unterzugehen.

          Wie groß die Umgewöhnung nach Obamas eloquenter Präsidentschaft für eine Presseübersetzerin gewesen sein muss, nun plötzlich Trump serviert zu bekommen, kann man gut nachfühlen. Doch Viennot, die schreibt: „Übersetzen bedeutet, eine Botschaft aus der einen in die andere Sprache zu übertragen“, geht fehl, wenn sie daran zweifelt, ob „der blind mit Worten und Ideen um sich“ werfende Trump überhaupt eine Botschaft habe, die man übersetzen könnte. Denn eine Botschaft gibt es aus zeichentheoretischer Sicht immer. Nur ist sie bei Trump unter seinen zahlreichen Übertreibungen und „Vielzweckwörtern“ („bad things“) nicht erschöpfend auf der semantischen, also der Bedeutungs-Ebene zu fassen.

          Alles wird der pragmatischen Ebene untergeordnet

          Der Kontext ist der Schlüssel zu Trumps Sprache. Das scheint Viennot stellenweise auch bewusst zu sein, doch mit ihren Überlegungen etwa zu dem berühmten, an Brigitte Macron gerichteten Ausspruch „You’re in such a good shape!“ gerät sie auf Abwege. Denn was sollte sich angesichts der Tatsache, dass Trumps Frauenverachtung schon mehrfach offen zutage getreten ist, an der Übersetzung dieses Satzes ändern? Es würde sich für eine Übersetzerin verbieten, hier ein „erstaunlicherweise“ oder Ähnliches einzuflechten. Diese Transferleistung muss dem Zuschauer überlassen bleiben, der daran auch nicht scheitern wird. Berechtigt hingegen ist Viennots Kritik an jenen französischen Zeitungen, die Trumps „shithole countries“ verharmlosend mit „Rattenloch“-Staaten übersetzten. Wobei die verwickelte Situation nicht unerwähnt bleiben darf, dass es sich bei Viennots Buch, in dem es so viel um Sprachgenauigkeit geht, letzten Endes um die deutsche Übersetzung eines französischen Buchs über Trumps Englisch handelt.

          Dennoch, und so schlimm es sein mag: Auf der Zeichenebene ist Trump, solange seine Wähler, Parteifreunde und Parteigeiseln ihm keine seiner sprachlichen Verfehlungen übelnehmen, schlicht nicht beizukommen. Eine Erregung darüber ist pure Zeitverschwendung. Doch von dieser Feststellung aus könnte man, gerade angesichts der laufenden Ukraine-Ermittlungen, weiterdenken: Da es bei Trump, wie die „New York Times“ in den Transkriptionen ihrer Interviews mit dem Präsidenten regelmäßig aufs schönste vorführt, keine richtige Syntaktik und keine echte Semantik gibt, liegt die Vermutung nahe, dass der amerikanische Präsident aus Unvermögen, aus Kalkül oder beidem seine gesamte Sprache der pragmatischen Ebene, also der Sprechhandlung, unterordnet.

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