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: Die Sonnenfinsternis

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Wenn in fünfzig Jahren ein paar Leute in gutgeschnittenen Anzügen dieses Buch aus dem Schuber nehmen, der aus grauer Pappe ist, und sich Seite nach Seite anschauen, dann werden sie an ihren Zigaretten ziehen, mit dem Kopf nicken und sagen: "Ah!" "Oh!" "Ja!" "So war es also, das Berlin zu Beginn des Jahrhunderts." ...

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          Wenn in fünfzig Jahren ein paar Leute in gutgeschnittenen Anzügen dieses Buch aus dem Schuber nehmen, der aus grauer Pappe ist, und sich Seite nach Seite anschauen, dann werden sie an ihren Zigaretten ziehen, mit dem Kopf nicken und sagen: "Ah!" "Oh!" "Ja!" "So war es also, das Berlin zu Beginn des Jahrhunderts." Und wir, die wir dabeiwaren, werden in unseren Schaukelstühlen sitzen und den Mund halten. Schließlich wissen wir, wie es wirklich war. Hedi Slimane hat sich ganz einfach sein Berlin erfunden.

          Oder waren wir nur zu blind? Wollten wir nicht sehen? Waren wir nicht dabei in all den verborgenen Nächten und den verlebten Tagen, bei all den Konzerten, in all den Wohnungen, Schwimmbädern, all den Parks, den Sommern und Wintern und unterwegs mit all den mageren, blassen Jungs, die Hedi Slimane auf den Bildern in Schwarzweiß zu einer, wenn das nicht zu abgedroschen wäre: Symphonie der Großstadt verbunden hat; einer Punk-Symphonie, ja, das geht, das ist es!

          Hedi Slimanes Fotos haben einen Soundtrack, den man hört, wenn man die Augen öffnet. Ein dunkles Pochen, ein Hämmern, vor allem aber einen Sog, der von den Geräuschen kommt, die diese Stadt macht. Eine Tür, die sich schließt, eine Bierdose, die jemand öffnet, eine Zigarette, an der wer zieht; jemand, der rennt, jemand, der atmet, jemand, der lebt. Slimanes Bilder sind belegt durch Leben und daher ein durch und durch romantisches Unternehmen.

          Hedi Slimane, muß man dazu sagen, stammt aus Paris, wo er ein ziemlich berühmter Modemacher ist. Zwei Jahre lang, von 2000 bis 2002, kam er sehr oft in diese Stadt, nach Berlin, in das er wie aus Versehen geraten war und das er liebte. Weil die Stadt grindig war und schmutzig. Weil sich die Leute so bewegten, wie sie es taten. Weil es hier Beton gab und Gras und die zarten Jungs mit flaumigem Kinnbart, die ihn zu seinen überschmalen, überkühlen, hochgefeierten Entwürfen für Dior inspirierten. Schlanke Silhouetten, glamouröse Dekadenz, müde Eleganz. Man kann auf diesen Fotos seiner Mode beim Entstehen zuschauen. Man kann aber vor allem einer Zeit ins Herz schauen. Denn wie jeder Künstler zeigt Slimane in seinem Berliner Realismus die Dinge, die Menschen und die Welt wirklicher, als sie es je waren. Hedi Slimane war schon immer der Dichter unter den Schneidern. Mit diesen Bildern wird er zu einem Traumdeuter unserer Gegenwart.

          So beginnt das Buch, das einfach "Berlin" heißt und in der Edition "7L" von Karl Lagerfeld im Steidl Verlag erschienen ist: Mit Bildern, die an eine Wand geklebt sind, mit zwei Jungs, die im Gras liegen und die Augen geschlossen haben, der eine mit nacktem Oberkörper und einer Zigarette in der Hand, der andere mit einem großen Kreuz auf dem Arm. Dann zwei weiße Seiten. Und das verwischte Gesicht eines Jungen, gegenüber eine Sternschnuppe aus Neon vor dem Schwarz der Nacht. Traum. Rausch. Neon. Ein Existentialismus der Schatten.

          Berlin wird auf diesen Bildern zu einem großen Spielplatz, Jugend ist der Einsatz, Gegenwart der Gewinn. Stein und Fleisch, Spuren am Himmel und Spuren auf der Erde. Das Berlin, das Hedi Slimane findet oder erfindet, ist wild und aufregend und jung und verloren. Leere Gesichter, einsame Körper. Auf einem Bild ist ein Buch von Rimbaud zu sehen und eine CD von "Tocotronic" und auch eine Flasche Wodka Gorbatschow. Rußlands Melancholie und Frankreichs Morbidität, zusammen ergibt das den poetischen Stoff für la Schwermut allemande, so wie ihn erst Hedi Slimane festgehalten hat.

          Wobei die etwas traurige Schönheit, die einen aus diesen Bildern anspricht, mit der poetischen Verwandlungskraft von Hedi Slimane zusammenhängt: Obwohl die Fotos voller Leben sind, erzählen sie keine Geschichten; sie sind eher Notate, abstrakte Zeichen, Gefäße, aus denen die Zeit entflossen ist. Die Geschichten enden dort, wo das Papier aufhört; was darüber hinausgeht, ist Poesie. Jungs mit nacktem Oberkörper und einer Kette um den Hals, ein Mercedesstern an der Lederjacke eines jungen Punks, der Flutlichtmast, die Lautsprecherboxen, die Treppe. Hedi Slimanes Bilder sind Botschaften an die Zukunft. Weil sie mehr Gegenwart tragen, als wir erkennen.

          GEORG DIEZ.

          Hedi Slimane: "Berlin". Verlag Steidl. 156 Seiten. 30 Euro.

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