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: Die Sache mit den Brotresten

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BELGRAD, 11. SeptemberIm Februar 2005 kamen in der bulgarischen Hauptstadt Sofia acht Regierungschefs aus Mittel- und Südosteuropa zusammen, um ein "Jahrzehnt zur Eingliederung der Roma" auszurufen. Mit reichlich rhetorischem Pomp wurde damals verkündet, Ziel der Dekade sei "die Abschaffung der ...

          BELGRAD, 11. September

          Im Februar 2005 kamen in der bulgarischen Hauptstadt Sofia acht Regierungschefs aus Mittel- und Südosteuropa zusammen, um ein "Jahrzehnt zur Eingliederung der Roma" auszurufen. Mit reichlich rhetorischem Pomp wurde damals verkündet, Ziel der Dekade sei "die Abschaffung der Diskriminierung und Bewältigung der unzulässigen Unterschiede zwischen den Roma und den anderen Mitgliedern der Gesellschaft". Dazu gehörte das Vorhaben, erst einmal auf das weitgehend unbekannte - besser: routiniert übersehene - Los der Roma aufmerksam zu machen.

          Es ist zwar zu früh, von einem Scheitern dieses Vorhabens zu sprechen, zumal der Erfolg sich nur einstellen kann, wenn sich die Adressaten, die etwa sechs bis neun Millionen Roma der Region also, daran beteiligen. Der Blick in einige Länder der Region dreieinhalb Jahre nach dem Roma-Gipfel zeigt allerdings das weiterhin herrschende Desinteresse. Besonders deutlich wird das in Serbien, wo einheimische Politiker zwar fast täglich an die Perspektivlosigkeit der Serben im Kosovo erinnern, die Lage der angeblich 800 000 Roma in ihrem Land jedoch ein Nicht-Thema ist. Zeitungen oder Fernsehsender berichten kaum einmal über sie, abgesehen von den wenigen, die es zu einer Existenz als Schnulzensänger gebracht haben. Ansonsten tauchen die Roma allenfalls in den Filmen des Regisseurs Emir Kusturica auf - als putzige Staffage.

          Dabei liegt in Belgrad eine ihrer größten Siedlungen, buchstäblich in der Mitte der Stadt. Direkt unterhalb der Autobahnbrücke Gazela, am Ufer der Save, befindet sich eine nach dem Namen dieser Brücke benannte Elendssiedlung, die auf den ersten Blick an Bilder aus Indien oder Südamerika erinnert. Die Einheimischen haben sich daran gewöhnt - nur Fremden fällt die Sache mit dem Brot auf. Warum, fragen sie, hängen überall diese Tüten mit Brotresten an den Müllcontainern? Wer etwas länger in der Stadt lebt, bemerkt dieses Bild gar nicht mehr, obwohl er früher oder später die Antwort auf diese Frage erfahren wird. Es gibt nämlich immer noch Belgrader, die so viel Anstand im wohlgenährten Leibe haben, dass sie es nicht über sich bringen, altes Brot wegzuwerfen. Sie hängen es an die Müllcontainer, da sie wissen, dass bald jemand kommt, der noch essen will, was sie nicht mehr essen mögen. Selten sind das Bettler oder Stadtstreicher. Häufiger sieht man, wie sich Roma die Tüten einstecken.

          Roma, die Müllcontainer nach Verwertbarem durchwühlen, gehören in Serbiens Hauptstadt zum Alltag. In manch einem der Restaurants in der Innenstadt können die Speisenden ihnen dabei zusehen. Kaum jemand aber weiß, wie sie leben und überleben. Nun liegt allerdings, zunächst nur in deutscher Sprache, ein bemerkenswerter Versuch vor, das Entstehen eines Slums in einer europäischen Hauptstadt zu erklären. Lorenz Aggermann aus Graz, Eduard Freudmann aus Wien und der ebenfalls dort lebende Künstler Can Gülcü haben mehrere Forschungsaufenthalte in Gazela verbracht und ihre Erkenntnisse unter dem Titel "Beograd Gazela - Reiseführer in eine Elendssiedlung" als Buch veröffentlicht (Drava Verlag, Klagenfurt 2008. 224 S., br., 19,80 [Euro]). Unaufgeregt und sachlich ist dieses Buch, wie im Untertitel angegeben, in der Art eines Reiseführers aufgebaut. Darin liegt, obwohl das bei einem solchen Ansatz zu befürchten wäre, keine Spur von Zynismus. Die dem Leser vertraute Form erlaubt es den Autoren, in sachlicher Distanz zu berichten, und lässt den ungewöhnlichen Gegenstand noch deutlicher hervortreten. Da werden die Straßen und Plätze des Slums mit derselben Genauigkeit geschildert wie in herkömmlichen Reiseführern die Wegbeschreibungen zu den Sehenswürdigkeiten von Paris oder London: "An dieser Stelle", heißt es etwa, "befindet sich meistens eine Wasserlache, deren Größe je nach Niederschlagsmenge variiert. Während FußgängerInnen auf einen seitlichen Pfad ausweichen können, der über allerlei Sperrmüll führt, kann sie bei geringer Tiefe mit motorbetriebenen Fahrzeugen durchquert werden, allerdings nicht mit Hand- und Tretwagen."

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