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Die Rationalität des Kalten Krieges : Als Dr. Seltsam einmal gegen Chruschtschow spielte

Testfeld der algorithmischen Vernunft: der Berliner Flughafen Tempelhof anlässlich seiner Schließung im vergangenen Jahr Bild: Pein, Andreas

In der Explosionsstimmung des Kalten Krieges wurde die Berechnung rationalen Verhaltens zu einem Wettstreit der klügsten Köpfe. Ein exzellentes Buch zeigt, wie die Vernunft dabei fast den Verstand verloren hätte.

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          Geheimdienstenthüllungen und Krim-Konfrontation haben die Atmosphäre des Kalten Krieges in den letzten Monaten fast wieder gegenwärtig werden lassen. Und mit ihr ein Gefühl für die Bedeutung, die vernünftigem Handeln in dieser Zeit zukam. In einer Welt, die ständig am Abgrund balancierte, ließ sich nur hoffen, dass die Entscheidungsträger auf jeder Stufe der Eskalationsleiter kühlen Kopf bewahren würden. Es wundert deshalb nicht, dass in den Jahrzehnten zwischen Weltkriegsende und Mauerfall eine regelrechte Manie losbrach, rationales Verhalten zu berechnen und vorauszusagen, als könnte die Weltpolitik schon durch die theoretische Vorgabe von Vernunftregeln auf ihre Einhaltung verpflichtet werden. Gesucht war eine kühle Rationalität, die vor der Selbstzerstörung der Zivilisation bewahren sollte.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Diese Vernunft, die aus einer weitverzweigten Debatte von der Ökonomie über die Computerwissenschaften bis zur Sozialpsychologie hervorging und die man heute die Rationalität des Kalten Krieges nennt, war eine strenge, maschinenähnliche Vernunft. In ihrer Radikalität war sie von der weltpolitischen Extremsituation imprägniert. Nuklearstrategie, Spieltheorie, Rational-Choice-Theorie und experimentelle Sozialpsychologie und viele weitere Einflüsse spielten in sie hinein. Ihre Fackelträger waren hochdekorierte, schillernde Persönlichkeiten wie der Nuklearstratege Herman Kahn, Inspirationsfigur für Kubricks Dr. Seltsam, Oskar Morgenstern, einer der Väter der Spieltheorie, oder der Ökonom Thomas Schelling, der diese Theorie wiederum auf die Politik übertrug. Fast alle von ihnen waren spätere Nobelpreisträger und fast alle mehr als nur Vertreter ihres Fachs. Das „Time“- Magazin schrieb von einer neuen Priesterkaste von kräftigen, drahtigen Intellektuellen, die angetreten waren, Politik und Gesellschaft in allen Bereichen umzukrempeln.

          Es war ein Wissenschaftlertypus, der Wirkung suchte. Viele waren als Berater in politische Entscheidungen bis zum Pentagon und Weißen Haus eingebunden. Theoreme migrierten von Denkfabriken in akademische Forschungen, von der Ökonomie in die Psychologie zur Evolutionsbiologie und wieder zurück. Neben den politischen Zwecken stand hinter den Debatten auch die Suche nach einem einheitlichen Rationalitätsbegriff.

          Die Vernunft verliert das Bewusstsein

          Ein neues Buch hat nun diese Vernunft in ihrem historischen Zusammenhang erschlossen. „How Reason Almost Lost Its Mind“ lautet sein treffender Titel, denn worum es in der Vernunftdebatte des Kalten Krieges im Kern ging, war eine von der Urteilskraft gelöste Rationalität, die vor allem eine Synthese aus Ökonomie, Mathematik und Computertechnik war. Ihre Vorläufer liegen in der Aufklärung, doch wäre kein Aufklärer so weit gegangen, die Vernunft ganz vom Bewusstsein zu entkoppeln. Die starke Form der Cold War Rationality tat nun genau dies. Sie band Rationalität an den Algorithmus und zerlegte Entscheidungsprozesse in kleinste Teile, die von einfachen Arbeitern oder Maschinen mechanisch ausgeführt werden konnten, um aus diesen Teilen einen neuen Rationalitätsstandard zu entwickeln. Wie kam es zu dieser Umdeutung von niederen Routinen zur höchsten Vernunft? Das Buch deutet eine lange theoretische Linie von Boole über Turing bis zu John von Neumann an, eine zweite führt in die militärische Operationsforschung.

          Gleich die erste große Krise des Kalten Krieges, die Berlin-Blockade, war dafür ein Testfall. Das ökonomisch-militärische Projekt Scoop am Carnegie Institute of Technology war mit der Mission betraut, die Luftbrücke mit ihrem engen, dreiminütigen Start- und Landerhythmus in ihrer effizientesten Form (und ohne die Hilfe von Marktkräften) zu organisieren. Es löste diese Aufgabe durch eine mathematisch-computertechnische Modellierung der Lufttransporte, deren Besonderheit es war, die ökonomische Prämisse eigennützigen Verhaltens mit einer neuen Form linearer Programmierung zu kombinieren.

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