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: Die Rätselblicke der Loretta Lux

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Wer Kazuo Ishiguros Roman "Alles, was wir geben mußten" liest, fragt sich unweigerlich, wie die geklonten Kinder aussehen mögen, die in einem Internat ihrem Schicksal als unfreiwillige Organspender entgegengehen. Unterscheiden sie sich auf irgendeine Weise von anderen Menschen? Sie tragen ein Geheimnis ...

          Wer Kazuo Ishiguros Roman "Alles, was wir geben mußten" liest, fragt sich unweigerlich, wie die geklonten Kinder aussehen mögen, die in einem Internat ihrem Schicksal als unfreiwillige Organspender entgegengehen. Unterscheiden sie sich auf irgendeine Weise von anderen Menschen? Sie tragen ein Geheimnis in sich, aber ist es sichtbar? Könnten wir sie als Klone erkennen, wenn wir ihnen begegnen würden?

          Die Kinder, die Loretta Lux fotografiert, stammen aus dem Freundeskreis der 1969 in Dresden geborenen Künstlerin. Aber sie erinnern sofort an Ishiguros Meisterwerk über den Kampf unschuldiger Wesen um ein ganz normales Leben. Wie so oft verbinden wir mit einer kalten, sterilen, hochartifiziellen Atmosphäre den Gedanken an eine synthetische Welt der Zukunft und verdrängen darüber, daß diese Zukunft längst begonnen hat. Loretta Lux erzählt zwar auf gewisse Weise auch vom alltäglichen Geheimnis der Kindheit, wie die Schriftstellerin Francine Prose in ihrem lesenswerten, leider allzu sehr um political correctness bemühten Vorwort bemerkt. Aber liegt nicht in den todernsten Blicken dieser Kinder ein fremdes, gefährliches Wissen verborgen? Es geht etwas zutiefst Beunruhigendes von diesen digital bearbeiteten Aufnahmen aus, die überwiegend vor einer kahlen Studiowand entstehen und erst in der Bearbeitung ihren Hintergrund erhalten.

          Loretta Lux, die in München Malerei studierte, nachdem sie Dresden wenige Monate vor der Öffnung der Mauer verlassen hatte, läßt in ihrer Arbeit vielfältige Assoziationen an berühmte Kinderporträts in Malerei und Fotografie aufkommen. Die Künstlichkeit der Inszenierung erinnert an Velázquez, die spürbare Intimität zwischen dem Künstler und seinem frühreif wirkenden Modell verweist auf Lewis Carroll, die bedrohliche Atmosphäre ist ähnlich auf manchen Aufnahmen von Diane Arbus zu spüren. Gleichwohl überläßt sich Loretta Lux nicht dem Spiel mit Zitaten und Traditionen, sondern hat rasch einen eigenen Stil entwickelt, nachdem sie 1999 von der Malerei zur Fotografie fand. Ihre Kinderporträts verstärken einen Aspekt des Kindchenschemas und verzerren ihn fast bis ins Groteske: Der im Verhältnis zum Rumpf stets überproportional große Kinderkopf wird durch digitale Bearbeitung der Aufnahme noch einmal vergrößert. So simpel ist das technische Zustandekommen der befremdlichen Wirkung dieser Bilder zu erklären. Ihre Schönheit indes bleibt rätselhaft. Unsere Abbildung zeigt die 2001 entstandene Aufnahme "Girl with a loaf of bread". ("Loretta Lux". Hrsg. von Nancy Grubb. Mit einem Text von Francine Prose. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2005. 96 S., 45 farbige Abb., geb., 35,- [Euro].)

          HUBERT SPIEGEL

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