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: Die Qual der Bilder

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Vor nahezu dreißig Jahren, 1977, veröffentlichte Susan Sontag ein Buch "Über Fotografie", das große Beachtung fand. Es war Fotografiegeschichte und philosophische Reflexion in einem, eine Hommage an große Fotografen, vor allem aber eine Bestandsaufnahme der Gebrauchsweisen von Fotos. Die Fotografie erschien ...

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          Vor nahezu dreißig Jahren, 1977, veröffentlichte Susan Sontag ein Buch "Über Fotografie", das große Beachtung fand. Es war Fotografiegeschichte und philosophische Reflexion in einem, eine Hommage an große Fotografen, vor allem aber eine Bestandsaufnahme der Gebrauchsweisen von Fotos. Die Fotografie erschien hier nicht nur als die Kunst unserer Zeit, sondern auch als ein Organ spefizisch moderner Erfahrungen. Ihr neuer Essay über fotografische Bilder von Krieg, Greueln und Leiden könnte wie die Fortschreibung einiger Motive des älteren Buches erscheinen. Tatsächlich aber ist es ein Vorhaben ganz anderer Art. Er handelt von schockierenden Bildern, von ihrer Geschichte, ihrer Herstellungsweise, ihren Wirkungen und ihrer Verbreitung, aber doch fast beiläufig. Denn dieser bedeutende Essay, der zu den exemplarischen Reflexionen unserer Zeit zählen wird, ist ein Moraltraktat über die moderne Wahrnehmung von Krieg, von Grausamkeit und Leid. Wer eine Predigt mit Fotografien erwartet, wird enttäuscht.

          Susan Sontags Sprache ist lakonischer als je zuvor, fast teilnahmslos (allerdings ohne Zweifel an ihren Gefühlen zu lassen) spricht sie über die fotografierten Greuel und die Haltung der Betrachter. In knappen Sätzen durchstreift sie ein wüstes Gelände, ohne vorgezeichneten Weg und ohne jegliche belehrende Attitüde. Offenbar will sie um jeden Preis eine Haltung vermeiden, die Freud während des Ersten Weltkriegs als "Mitleidsschwärmerei" bezeichnete. Sie will sich auch nicht bei den heute gängigen Gebrauchsweisen der Schreckensbilder beruhigen. Die Hoffnung, die seit dem amerikanischen Bürgerkrieg viele Fotografen hegten, man könne die Faszination des Krieges brechen, indem man ihn zeigt, "wie er wirklich ist", hat sich mittlerweile als allzu trügerisch erwiesen.

          Susan Sontag spricht in diesem Zusammenhang von Virginia Woolfs "Unschuld". Denn die Verfasserin des Antikriegsbuchs "Three Guinees" glaubte, daß jeder, der sich beim Anblick der Fotos von bis zur Unkenntlichkeit deformierten Toten des Spanischen Bürgerkriegs nicht gedrängt fühle, solche Verwüstungen aus der Welt zu schaffen, ein "moralisches Monstrum" sei. Zwar sei, merkt Susan Sontag an, "zentral für unser Weltverständnis und unser ethisches Empfinden" die Überzeugung, "daß der Krieg ein Irrweg sei", aber sie fügt hinzu: "wenn auch ein unvermeidlicher". Dazu gibt die Geschichte der fotografischen Leidensbilder, die sie in charakteristischen Beispielen nachzeichnet, auch wenig Anlaß.

          Am Schluß ihres Essays formuliert Susan Sontag eine Haltung zu diesen Bildern, die weniger unschuldig ist als jene Virginia Woolfs und die das Fazit aus der Folgelosigkeit der emotionalen Antworten auf das Grauen zieht. Die ungeheure Menge von Bildern von Krieg und Grausamkeit könne nur zu der Einsicht führten, daß der Mensch so ist und daß man dies zu einer "feststehenden Einsicht über den Menschen machen muß". Das Wissen, das diese Bilder, jenseits von Erschütterungen und Haß, vermitteln, ist freilich eine Einsicht in die Monstrosität des Menschen. Die Zeiten, in denen er sich in Unterscheidung davon definieren konnte, sind vorüber. Wenn es sich um Einsicht handelt, ist dieses Wissen freilich nicht resignativ, es läßt einen kleinen Spalt zur Hoffnung offen.

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