https://www.faz.net/-gr3-q1cl

: Die Poesie der Wahrheit im Vogelfuß

  • Aktualisiert am

Revolutionen kommen schnell in die Jahre. Nach einem Jahrzehnt schlägt der Wind um; die Unsicherheit wird lästig. Die Französische Revolution, zunächst oft auch in Deutschland mit Enthusiasmus begrüßt, löste 1799 erschreckte Reaktionen aus, die das kommende Jahrhundert in seiner ersten Hälfte beherrschen sollten. Novalis schrieb damals sein Fragment "Die Christenheit oder Europa".

          6 Min.

          Revolutionen kommen schnell in die Jahre. Nach einem Jahrzehnt schlägt der Wind um; die Unsicherheit wird lästig. Die Französische Revolution, zunächst oft auch in Deutschland mit Enthusiasmus begrüßt, löste 1799 erschreckte Reaktionen aus, die das kommende Jahrhundert in seiner ersten Hälfte beherrschen sollten. Novalis schrieb damals sein Fragment "Die Christenheit oder Europa". Sein erster Satz klang wie ein Fanal der Sehnsucht und der Rückkehr: "Es waren schöne, glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war."

          Damit hatte die romantische Gegenaufklärung ihr Programm; sie blickte zurück auf das im Glauben geeinte Mittelalter, als der Nationalismus noch nicht die Völkergemeinschaft zerriß, als Zweifel und Skeptizismus den Menschen noch nicht die Zuversicht raubten. Wie die Aufklärung nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa erfaßt, so war auch die Romantik nicht nur eine deutsche, sondern eine internationale Tendenz. In England kamen Lord Byron und Wordsworth in Mode, in Rußland Lermontow, in Italien Leopardi.

          Der bretonische Graf Chateaubriand begründete die Romantik in Frankreich. Er hatte Gründe, die Revolution zu hassen: Sie beendete abrupt das gefühlige Landleben in der romantischen Umgebung des väterlichen Schlosses. Sie brachte enge Verwandte um. 1791 segelte er ab nach Nordamerika. Er kam dort nicht sehr weit, aber er entdeckte die Poesie einsamer Landschaften, er lebte eine Weile bei Indianern, er besichtigte die Niagarafälle. Seine beiden Erzählungen, "Atala" und "René", spielen in der amerikanischen Wildnis. Diese Geschichten von Liebe und Einsamkeit, von ersehntem Sex und christlicher Askese, von Weltschmerz und unberührter Natur schlugen zum ersten Mal in französischer Sprache den neuen sentimentalen Ton an. Sie waren 1801 vollendet und erschienen zuerst als Bestandteile der großen Apologie des Christentums. In späteren Auflagen hat der Autor diese Erzählungen aus dem theoretischen Hauptwerk herausgenommen; sie fehlen in den heutigen Ausgaben und Übersetzungen. Aber sie waren es, die den neuen Stil begründet haben.

          Chateaubriand war ein "subjektiver Autor". Politik und Biographie, Liebesgeschichten und Schriftstellerei vermischen sich ständig. Dieser Umstand kam Friedrich Sieburg zugute, als er 1959 seine große Chateaubriand-Biographie schrieb, die lesenswert bleibt für den, der doppelten Boden wahrnimmt: Sieburg stellte das Verhältnis Chateaubriands zu Napoleon in den Mittelpunkt und zeigte mit verhülltem Selbstbezug viel Verständnis für Schriftsteller, die sich Diktatoren zur Verfügung stellen.

          Die Sache war die: Als Chateaubriand den "Geist des Christentums" schrieb, lebte er als mittelloser Emigrant in England. In einer Schrift von 1797 hatte er zwar auch schon gegen die Revolution polemisiert, aber damals hatte er die frommen Royalisten in London mit abfälligen Bemerkungen gegen das Christentum schockiert; niemand glaube mehr daran. Zwei Jahre später saß derselbe Autor an seiner großen Verteidigungsschrift. Dies hat immer wieder Zweifel an der Aufrichtigkeit seiner "Bekehrung" geweckt. Diese Frage ist unentscheidbar und wenig wichtig. Was zählt, ist der ungeheure Erfolg dieses Buches. Und seine Verwicklung in die Politik.

          Denn am 9. November 1799 wagt Napoleon den Staatsstreich, er stürzt das Direktorium. Die Revolutionszeit sollte zu Ende sein; Ruhe und Ordnung wurden zum Motto des Tages. Aber konnte Napoleon diese Konsolidierung erreichen und seine Alleinherrschaft sichern ohne die Religion? Napoleon versprach, die alte Religion wieder in ihre Rechte einzusetzen, und dazu konnte er Chateaubriand gebrauchen. Der war im Mai 1800 nach Frankreich zurückgekehrt.

          Weitere Themen

          Der andere Bibliothekar

          Hans Magnus Enzensberger : Der andere Bibliothekar

          „Wir drucken nur Bücher, die wir selber lesen möchten“ – so kündigten Hans Magnus Enzensberger und der Verleger Franz Greno 1985 die „Andere Bibliothek“ an. Eine Würdigung des Feuilletons zum 90. Geburtstag ihres einstmaligen Herausgebers.

          Topmeldungen

          Eskalation in Hongkong : Jagdszenen auf dem Campus

          Die Universitäten in Hongkong geraten zum Kampfgebiet. Das stellt die Hochschulleitungen vor eine Zerreißprobe. Sollen sie sich hinter ihre Studenten stellen? Oder auf die Seite der Polizei?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.