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: Die Pistole im Nachttisch meiner Mutter

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Es gibt eine Art Urszene in Christina von Brauns Buch "Stille Post", das alles auf einmal ist, Autobiographie, Roman, Familienchronik und Geschichte der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, und das, indem es einen eigenen, bisher unbekannten Weg einschlägt, zu den wunderbarsten Büchern dieses Frühjahrs gehört.

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          Es gibt eine Art Urszene in Christina von Brauns Buch "Stille Post", das alles auf einmal ist, Autobiographie, Roman, Familienchronik und Geschichte der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, und das, indem es einen eigenen, bisher unbekannten Weg einschlägt, zu den wunderbarsten Büchern dieses Frühjahrs gehört. In dieser Szene kundschaftet Christina von Braun als Kind (das kennt jede Tochter!) den Toilettentisch ihrer Mutter aus. Sie liebt ihre Parfums, besonders "Quadrille" von Balenciaga. Klappt sie den Tisch auf, öffnet sich auf der Unterseite der Tischplatte ein Spiegel, an dem sich die Mutter täglich für die Welt herrichtet. In den kleinen Fächern daneben findet sie Haarbürsten, Bänder, Puderdosen. Und es gibt ein Geheimfach in diesem Toilettentisch, auf das sie bei ihren Schnüffeleien stößt. In ihm liegt eine Pistole.

          Christina von Braun, heute Filmemacherin und Professorin für Kulturwissenschaften an der Humboldt Universität, macht sich, als Kind, nicht viel Gedanken darüber. Wahrscheinlich, denkt sie sich, haben alle Mütter zwischen ihren Parfums und Lockenwicklern Schusswaffen herumliegen. Viele Jahre später aber wird diese Pistole zur Protagonistin einer Spurensuche, die, über den Lebensweg der Großmutter, die Geschichte der eigenen Mutter ergründet. Denn der Großmutter, obwohl sie sie nie gekannt hat, fühlt sich die Autorin näher als der Mutter, deren verhaltene Körpersprache sie lange nicht verstehen kann. Also adressiert Christina von Braun ihr Buch, dessen Erzählung sie, gleich einem Innehalten, immer wieder mit fiktiven Briefen unterbricht, an sie:

          "Liebe Großmutter", heißt es da, "es ist schwer, etwas über die Zeit zu erzählen, die Du erlebt hast und in der es mich überhaupt noch nicht gab. Sieh es mir also nach, wenn ich einiges falsch berichte. So ist das mit den Geschichten, die man nicht selbst erlebt hat. Ich bewundere sehr die Arbeit von Historikern: Sie können ganze Biographien, Gefühle und Lebenswelten aus den Bildern, Akten und Schriftstücken rekonstruieren, die sie finden. Aber diese Dokumente erzählen uns nur einen Teil der Geschichte. Daneben gibt es noch so viele andere Erzählungen, die aus all dem bestehen, was verschwiegen wurde: Geheimnisse, Liebesgeschichten. Wer erzählt sie uns? Vielleicht Romanschriftsteller."

          "Stille Post" beansprucht deshalb nicht, ein Roman zu sein. Doch hat diese "andere Familiengeschichte", wie das Buch im Untertitel heißt, gerade durch diese Briefeinschübe durchaus romanhafte Züge, die nicht zuletzt auch im Projekt selbst angelegt sind. Die Männer ihrer Familie, stellt Christina von Braun fest - das mag nach Klischee klingen, ist hier deswegen aber nicht weniger wahr -, haben alle Memoiren geschrieben: veröffentlichte im Fall ihres Großvaters väterlicherseits, Magnus von Braun, der zusammen mit seiner Frau von seinem Gut in Niederschlesien vertrieben wurde; unveröffentlichte im Fall ihres Vaters, des Diplomaten Sigismund von Braun, und ihres Onkels Hans. Memoiren verführen dazu, die eigene Geschichte mit "der Geschichte" in Einklang zu bringen. Sie treten die Herrschaft über die Vergangenheit an.

          Dagegen verfassten die Frauen Tagebücher. Sie schrieben aus dem "Jetzt", ohne historische Distanz, also ohne die Möglichkeit, die Ereignisse in den weiteren Verlauf der Geschichte einordnen zu können. Und ebendiese Perspektive ist für das, was die Autorin vorhat, von Interesse: Sie will etwas von dem aufspüren, was nicht in die offizielle Geschichtsschreibung eingeflossen ist - die "Stille Post"; hinterlegte, vertrauliche, manchmal verschlüsselte Nebengeschichten, wie es sie in jeder Familie gibt und wie sie auch in jeder Familie weitergegeben werden - manchmal auf verschlungenen Wegen. Dass es sich dabei um eine spezifisch "weibliche" Art der Nachrichtenkette handelt, mag allein daran liegen, dass den Frauen die offiziellen Kanäle der Geschichte lange versperrt blieben. So wurde die parallele Nachrichtenvermittlung zu einer weiblichen Spezialität, ein Gebiet, auf dem Frauen es zu Meisterleitungen gebracht haben.

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