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: Die offene Hand des Sammlers

  • Aktualisiert am

Ein erfolgreicher Chemiker und Industriemanager, Jahrgang 1865, ein scheinbar typischer Vertreter der wilhelminischen Elite, entscheidet sich um 1912, die radikale neue Malerei der Expressionisten zu sammeln. Bis dahin galt sein Interesse der traditionelleren Kunst eines Max Liebermann oder des heute weniger bekannten Münchner Malers Adolf Schinnerer.

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          Ein erfolgreicher Chemiker und Industriemanager, Jahrgang 1865, ein scheinbar typischer Vertreter der wilhelminischen Elite, entscheidet sich um 1912, die radikale neue Malerei der Expressionisten zu sammeln. Bis dahin galt sein Interesse der traditionelleren Kunst eines Max Liebermann oder des heute weniger bekannten Münchner Malers Adolf Schinnerer. Doch dann entschied sich Carl Hagemann für heftig umstrittene Künstler wie Emil Nolde, Erich Heckel oder Ernst Ludwig Kirchner. Die Werke müssen in einem bürgerlichen Haushalt noch provokativer, aber auch vitaler gewirkt haben, als dies neutrale Museumspräsentationen heute vermitteln können. Aufnahmen aus anderen zeitgenössischen Sammlungen wie der von Rosy und Ludwig Fischer in Frankfurt bestätigen das, während Hagemanns Sammlung leider nicht fotografisch dokumentiert wurde.

          Ein wichtiger Förderer von Hagemanns Entscheidung war der Essener Museumsmann Ernst Gosebruch, mit dem Hagemann zeitlebens befreundet war. Gosebruch gehörte zu den ersten, die die Brücke-Künstler unterstützt hatten. Hagemann stammte aus Essen und blieb der Stadt verbunden, obwohl er in Leverkusen und seit 1920 in Frankfurt arbeitete. Auf dem Porträt Kirchners vom Ende der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts wirkt der Sammler distanziert, und er wird als stets korrekt auftretender Herr von seinen Verwandten geschildert. Dennoch vertrauten sich ihm die Künstler schnell an. Über das rein Geschäftliche hinaus berichten sie über ihre aktuellen Lebensumstände und den Fortgang der Arbeit in vertrautem Ton. Man bekommt nicht den Eindruck, daß damit nur ein Käufer betreut wurde, sondern daß mit Hagemann wirklich über Lebens- und nicht zuletzt über Finanzprobleme offen gesprochen werden konnte. Hagemann vermittelte auch über seine eigenen Interessen hinaus bereitwillig Käufer aus seinem Freundeskreis. Die Korrespondenz belegt damit einen Kunstmarkt außerhalb der bekannten Galerien, der vor allem durch das Hagemann entgegengebrachte Vertrauen seitens der Künstler gut funktionierte ("Kirchner, Schmidt-Rottluff, Nolde, Nay . . ." Briefe an den Sammler und Mäzen Carl Hagemann 1906-1940. Herausgegeben von Hans Delfs, Mario-Andreas von Lüttichau, Roland Scotti. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2004. 992 S., 110 Farb- u. S/W-Abb., 1 CD-ROM, geb., 49,80 [Euro]).

          Fast die Hälfte der erhaltenen Briefe ist nach 1933 datiert und bietet damit einen außergewöhnlichen Einblick in die Zeit der Verfemung der Expressionisten. Ernst Gosebruch, der von den Nazis aus dem Amt gejagt wurde, berichtet Hagemann von den unterschiedlichen Repressalien gegen die Museen. Heckel, Kirchner und Schmidt-Rottluff waren mehr denn je auf verläßliche Förderer wie Hagemann angewiesen. Für den jungen Ernst Wilhelm Nay wurde Hagemann zum Lichtblick in einer aussichtslosen Zeit. Die Korrespondenz zeigt, wie der inoffizielle Kunstmarkt vertrauter Freunde den verfolgten Künstlern wenigstens einen kleinen Rückhalt bieten konnte.

          Obwohl Hagemanns Stiftungspläne nach 1933 hinfällig wurden, vertraute er ungebrochen auf die Qualität seiner Sammlung. Er bedauerte es, sie zu einem Zeitpunkt, da es ihm gesundheitlich immer schlechter ging und der Nationalsozialismus seinen Zenit noch nicht überschritten hatte, nicht in Sicherheit zu wissen. Er hatte aber die Hoffnung, daß seine Geschwister als seine Erben die Werke im Interesse der Künstler noch in deutsche Museen bringen könnten. Es war eine glückliche Fügung, daß der Direktor des Städels, Ernst Holzinger, den Mut hatte, die Sammlung in Kisten verpackt zu lagern, und daß diese Kisten zusammen mit dem Bestand des Museums ausgelagert werden konnten.

          Holzinger ging mit diesem Engagement für "entartete Kunst" kein geringes persönliches Risiko ein. Aber so überlebte die Sammlung nach Hagemanns Tod 1940 den Krieg nahezu ohne Verluste. Man muß nur an die Verluste in der berühmten Berliner Sammlung Bernhard Köhlers mit Werken der Künstler des "Blauen Reiters" denken, um zu ermessen, wie knapp damit Hagemanns Sammlung der Zerstörung entging. Auch sein Wohnhaus wurde von Bomben getroffen. 1948 legte die Schenkung der Zeichnungen und Druckgraphiken durch die Erben der Sammlung Hagemann den Grundstock der neu aufzubauenden Sammlung der klassischen Moderne in Frankfurt, eine noble Entscheidung im Sinne des Sammlers, dem die Eitelkeit manch heutiger Protagonisten völlig fremd war. Zudem konnten in den folgenden Jahren zahlreiche Gemälde für das Städel erworben werden.

          Hagemanns Name geriet nicht in Vergessenheit, und viele Briefe wurden in nicht immer korrekter Abschrift in der Literatur zu den einzelnen Künstlern zur Kenntnis genommen. Doch die vorliegende Edition bietet erstmals einen vollständigen Überblick seiner Aktivitäten und macht damit ein bedeutendes Dokument zugänglich. Da die Briefe chronologisch geordnet sind und nicht etwa nach den einzelnen Künstlern, wird das weitgespannte Netz der Kontakte Hagemanns jetzt erst sichtbar. Er stand ja nicht nur mit Künstlern, sondern auch mit Sammlern wie Arnold Budczies in Berlin in Kontakt. Eine ausführliche Kommentierung erleichtert dabei die Orientierung, Register erschließen den Band übersichtlich. In einer beigefügten CD-ROM sind alle Briefe als Faksimiles abgebildet und auch die Werke der Sammlung dokumentiert, was in einer gedruckten Version heute gar nicht mehr zu leisten wäre - eine vorbildliche Editionsarbeit.

          ANDREAS STROBL

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