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: Die Nichte von Bismarcks Bankier

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Im Berlin des neunzehnten Jahrhunderts gehörten die Bleichröders zum jüdischen Großbürgertum: Erst Vertreter der Rothschild-Bank, etablierten sie sich später als eigenständiges Bankhaus. Gerson Bleichröder, des Reichs und Bismarcks Finanzberater, wurde 1872 als erster Jude in Preußen geadelt. Zu Empfängen ...

          Im Berlin des neunzehnten Jahrhunderts gehörten die Bleichröders zum jüdischen Großbürgertum: Erst Vertreter der Rothschild-Bank, etablierten sie sich später als eigenständiges Bankhaus. Gerson Bleichröder, des Reichs und Bismarcks Finanzberater, wurde 1872 als erster Jude in Preußen geadelt. Zu Empfängen in seinem Haus lud er aus Rücksicht auf seine nichtjüdischen Gäste keine Juden ein, weder Familienmitglieder noch Geschäftsfreunde, während sein Bruder Julius stets im jüdischen Milieu verankert blieb. Wie verschieden die Lebensstile der Bleichröders waren, die Fritz Stern als zwei parallele Modelle bürgerlicher Assimilation gedeutet hat, zeigt auch das Tagebuch, das Julius' Tochter Gertrud 1888 führte.

          Es reicht von "Sonntag den 12 Februar 1888" bis "Freitag den 13 Juli". Der geadelte Onkel Gerson von Bleichröder, den sie ironisch "Vonkel" nennt, kam in dieser Zeit nur zweimal zu Besuch und erzählte "natürlich" von Bismarck. Gertruds Vater gehörte zur liberalen Opposition. Beide Brüder waren Mitglieder der jüdischen Gemeinde, aber während "Vonkel" sich einbildete, der finanzielle Erfolg werde auch die vollständige Aufnahme der Juden in die Gesellschaft nach sich ziehen, setzte sich Julius politisch für die Gleichberechtigung ein. Dabei wurde auch in seinem Haus nicht nach jüdischen Glaubensgesetzen gelebt: Gertrud erwähnt keine jüdischen Feiertage und keinen Synagogenbesuch. Gleichwohl stürzt die Absicht ihrer jüngeren Schwester, einen "Goi" zu heiraten, die Familie in eine heftige Krise.

          Heiraten ist das unterschwellige Thema des Tagebuchs: "sie fühlt sich schuldig 24 Jahre und noch nicht verheiratet zu sein", notiert Gertrud über eine Freundin. Sie selber ist dreiundzwanzig und sich der Erwartungen bewußt. Kandidat: der Bankierssohn Paul Arons. "Fing Mama über P.A. an mit mir zu sprechen. Wie ich überhaupt gar nicht anders mehr könnte, als ihn zu nehmen." Gertrud Bleichröder und Paul Arons heirateten 1889; sie hatten drei Söhne, die auch Bankiers wurden. Gertrud starb 1917. Ihr Sohn Georg nahm das Tagebuch 1938 mit in die Emigration, im Sommer 2001 schenkte es ihre Enkelin Otti Jarislowsky dem Jüdischen Museum Berlin, das es nun in einer wohlkommentierten Ausgabe veröffentlicht hat.

          Gertrud Bleichröder war eine kluge Beobachterin - nicht nur augenzwinkernd wünscht ihr der Schwager Leo zum Geburtstag "Glück, Verstand und weniger Kritik". Sie hält die berufliche Ausbildung von Frauen für eine gesellschaftliche Pflicht. Natürlich spielt die Politik eine Rolle, hält doch das Tagebuch das "Dreikaiserjahr" fest, die rasche Thronfolge von Wilhelm I. über Friedrich III. auf Wilhelm II. Am 15. Juni notiert sie: "Freitag. Dühring: Kritik der Geschichte der Philosophie. Grete." Erst nach dem Besuch der Freundin dann die Notiz: "Um 11 Uhr 56 der Kaiser gestorben." Für sich selber erhofft sie: "Lieber 10 Jahre zu früh als 5 Jahre zu spät sterben". Dieser Lebenslakonie entspricht Gertruds schnörkellose Sprache. Das Tagebuch hat sie spontan und ohne literarische Ambition begonnen: "Nach Tisch Billard gespielt, Zeitung beendet. Dies Tagebuch angefangen."

          Ihre Lektüren ("Über den Briefwechsel Carlyles und Göthes von Hermann Grimm.") hatten Niveau, die regelmäßigen Theater- und Operbesuche ("Rheingold. Die Szenerien waren so zauberhaft") gehörten zum Comment, der Französisch- und Italienischunterricht geriet strapaziös ("Nachmittags tötet mich Mlle immer mit erschreckender Gewissenhaftigkeit mit Vorlesen. Das Schicksal hat gewollt, daß es bisher immer die langweiligsten Stellen aus V. Hugo waren"). Eine höhere Tochter eben: Bildung schließt Schlittschuhlaufen im Winter ebenso ein wie Federball im Sommer - und ganzjährig den Umgang mit den Hausangestellten. Sie näht und stickt, im Botanischen Garten erkundigt sie sich nach der Pflege der Palmen. Nachmittags wird mit einer Freundin "geistreich geschnackt".

          Das Tagebuch der Gertrud Bleichröder bildet die damalige jüdische und großbürgerliche Normalität ab: Nicht, daß Juden real assimiliert gewesen wären, aber sie waren Teil des städtischen Geschäfts-, Gesellschafts- und Kulturlebens. Die Schimäre der deutsch-jüdischen Symbiose gründete auf wechselseitiger Selbsttäuschung. Gertrud weiß um den wachsenden politischen Antisemitismus. Einmal geht sie ins Parlament, um den Antisemiten Stöcker zu hören, den Anführer der "Berliner Bewegung". Mit ihrem Alltag freilich hatte das noch nichts zu tun.

          STEFANA SABIN

          Karin H. Grimme (Hrsg.): "Aus Widersprüchen zusammengesetzt". Das Tagebuch der Gertrud Bleichröder aus dem Jahr 1888. Mit einem Vorwort von Monika Richarz und einer Erzählung von Lena Kugler. Dumont Verlag, Köln 2002. 189 S., Abb., br., 14,90 [Euro].

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