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: Die Menschheit muß ein Volk von Museumsbesuchern werden

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Hätte es nur die Beschlagnahmung ohne die Theorie der Beschlagnahmung gegeben, wäre das Thema längst erledigt. Die meisten der von der revolutionären und dann napoleonischen Armee nach Paris geschafften Kulturbeutegüter Europas sind nach 1815 an ihre Herkunftsorte zurückgekehrt. Die Art aber, wie ...

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          Hätte es nur die Beschlagnahmung ohne die Theorie der Beschlagnahmung gegeben, wäre das Thema längst erledigt. Die meisten der von der revolutionären und dann napoleonischen Armee nach Paris geschafften Kulturbeutegüter Europas sind nach 1815 an ihre Herkunftsorte zurückgekehrt. Die Art aber, wie das revolutionäre Frankreich sich im Rhythmus des Vorrückens seiner Armee über die Kunstsammlungen, Bibliotheken und Bauwerke hermachte, übersteigt bei weitem den Rahmen der vorher üblichen Trophäenjagd. Frankreich hatte seit 1794 eine fertige Theorie, warum die besten Gemälde, Statuen, Architekturfragmente und Bücher Europas nach Paris gehörten: Es war eine "Befreiung" der großen Kunstwerke aus den Klauen einer usurpierten, aristokratischen oder kirchlichen Macht und eine "Heimführung" des universalen Kulturerbes ins Land der Volkssouveränität.

          Kulturgeschichtlich erschlossen war bisher das, was an prominenten Objekten aus den südlichen Kulturräumen von Italien bis Ägypten nach Paris floß. Die Kunstbeute aus Belgien, Holland und Deutschland nimmt sich dagegen bescheidener aus, war aber dennoch enorm. Mit dieser umfassenden Studie liegt nun eine thematisch präzise, kulturhistorisch weit ausholende Bilanz der Nachrevolutionszeit vor, die ihresgleichen sucht. Der Kulturmessianismus von Revolutionsregime und Erstem Kaiserreich sowie das Zurückstrahlen der geraubten Schätze auf Deutschland, das dadurch erst eigentlich zum klaren Bewußtsein eines eigenen nationalen Kunsterbes kam, stehen im Mittelpunkt des ersten, theoretischen Bandes dieser brillanten Untersuchung. Der zweite Band bietet einen detaillierten catalogue raisonné der geraubten deutschen Objekte aufgrund der Ausstellung, die 1807 im Musée Napoléon veranstaltet wurde. Die Darlegung des reichen Materials ist nie archivarisch trocken, sondern folgt munter den Lebensspuren der Akteure eines beispielhaften grenzüberschreitenden Kulturtransfers.

          Vier Beschlagnahmungsoperationen gab es zwischen 1794 und 1809 in unterschiedlichen Regionen Deutschlands und Österreichs. Die berühmteste und ergiebigste leitete 1806 Vivant Denon, Direktor des Louvre, das "Auge Napoleons". Mochte er wie die meisten seiner Vorgänger beim Inspizieren unter mangelnder Ortskenntnis leiden und sich wie einst Leblond in Koblenz hauptsächlich "an den Kirchtürmen orientieren", so hatte er jenen seine Berühmtheit und seine große Erfahrung in Italien und Ägypten voraus. Wenige Tage nach der Schlacht bei Jena wurde Denon jedenfalls freundlich von Goethe in Weimar empfangen, bevor er seinen Beutezug ernsthaft aufnahm. Goethe gehörte noch jener universalistisch denkenden Gelehrtengeneration des achtzehnten Jahrhunderts an, die sich mehr über die Ausräumung Roms als über die Enteignungen Deutschlands empörte und der die seit 1794 geltende Maxime nicht ganz fremd war, Kulturgut sei Universalgut, wo immer es sich auch gerade befinde. Sollte Köln im Schoße der (französischen) Republik bleiben, hieß es in einem Kommissarsbericht des Jahres 1794, so hätten seine Bürger, selbstverständlich dasselbe Konsultationsrecht in Paris wie alle anderen Staatsbürger und die Stadt am Rhein hätte mit dem Verlust ihrer Kulturgüter "nur ihren bescheidenen Beitrag geleistet zur großen republikanischen Tat: die Beförderung der allgemeinen Bildung".

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