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: Die Menschheit muß ein Volk von Museumsbesuchern werden

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Mit detektivischem Feingespür geht die Autorin den Spuren nach, die aus der humanistischen Universalperspektive des Aufklärungs-Europa beidseits des Rheins hinausführen ins kulturelle National- und Besitzbewußtsein. Das große Kulturtrauma Frankreichs - der revolutionäre Vandalismus - war ein Akt der Selbstverstümmelung; in Deutschland war die Verlusterfahrung dagegen äußerlich veranlaßt durch den Beutezug der fremden Siegermacht. Ausgelöst hat das Trauma in beiden Fällen den Willen zur konsequenten Kulturerbepflege. Die Publizität, die den Dürers, Cranachs, Memlings, Bruegels, Rubens und Rembrandts aus den deutschen Sammlungen in Paris plötzlich zuteil wurde, wirkte in Deutschland doppelt: Verbitterung rief sie hervor und Stolz. Und daß die französischen Museumsverwalter sich nach 1814 vor der Rückerstattung zunächst drückten, stachelte das deutsche Nationalgefühl nur noch mehr an.

Der "Rheinische Merkur" tat sich besonders hervor und brachte auch technische Argumente: Der Pariser Nebel und die Seine-Feuchtigkeit seien den deutschen Kunstobjekten besonders schädlich. Geradezu paradigmatisch konzentrierte die Rückgabeforderung sich auf die Handschriften Winckelmanns und eine Sammlung von Minnegesängen, die klassische und die romantische Variante deutschen Kulturerbes, mochten im übrigen auch die preußischen, bayrischen, hessischen, rheinländischen Unterhändler in Paris konkret oft gegeneinander arbeiten. Selbst nach der Rückkehr praktisch aller Gemälde flammte das Thema 1870, 1915 oder 1940 immer neu auf. Denn offen blieb die Frage einzelner - bis heute - fehlender Buchbestände. Staatsraison war beidseits im Spiel. So fiel der Traktandenpunkt Restbücherrückgabe 1871 schnell aus der Friedensverhandlung. Von Bismarck ist der Ausspruch überliefert, es könne keinem deutschen Professor schaden, zum Bücherlesen auch einmal nach Paris fahren zu müssen.

In Objekten wie der "Kreuzigung Petri" von Rubens, die nach ihrer Rückkehr 1815 in einem Festzug durch die Straßen von Köln getragen wurde, bündelt sich das Wechselverhältnis deutsch-französischer Nationalgeschichte. Die Quadriga des Brandenburger Tors hatte Denon noch im Dezember 1806 abmontieren und nach Paris schaffen lassen. In einem der ersten Reparationsakte ließ der preußische Armeebefehlshaber Friedrich von Ribbentrop sie 1814 wieder nach Berlin zurücksenden. Was vor der Abreise aber noch mit ihr geschah, erzählt diese Studie als einen wenig bekannten kleinen Scoop. Zur Rückkehr Ludwigs XVIII. entschloß Paris sich kurzfristig, auf dem Pont-Neuf ein Reiterstandbild von Heinrich IV. zu errichten. Aus Zeitnot wurden die Preußen um die Erlaubnis ersucht, die schon eingepackte Quadriga noch einmal zu öffnen, um von einem der Pferde einen Gipsabguß zu machen. Der damals noch junge Architekt Jacob Ignaz Hittorff aus dem Rheinland entwarf die Skizzen. Bis 1818 saß der Bourbonenkönig dann auf dem Berliner Gipspferd auf dem Pont-Neuf und danach im Louvre - auch so hätte deutsch-französische Geschichte weitergehen können. Die fundierte Darstellung dessen, was wirklich war, macht diese vom Deutschen Forum für Kunstgeschichte in Paris mitherausgegebene Studie zum spannenden Standardwerk, das dringend auch eine deutsche Ausgabe verdient.

JOSEPH HANIMANN

Bénédicte Savoy: "Patrimoine annexé". Les biens culturels saisis par la France en Allemagne autour de 1800. Editions de la Maison des sciences de l'homme, Paris 2003. 2 Bände. 1021 S., br., im Schuber, Subskriptionspreis bis 31. Januar 80,-, danach 94,- [Euro].

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