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: Die lieben Kleinen

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Vor zwei Jahren hat der ehemalige Leiter der Erziehungsanstalt Salem Bernhard Bueb seine Erfahrungen mit den dortigen Zöglingen in einem erfolgreichen Buch zusammengefasst. Die Kernthese lief darauf hinaus, dass Väter, Mütter und insbesondere Lehrer den Weg des pädagogischen Lotterlebens verlassen sollten, den die Achtundsechziger eingeschlagen hätten.

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          Vor zwei Jahren hat der ehemalige Leiter der Erziehungsanstalt Salem Bernhard Bueb seine Erfahrungen mit den dortigen Zöglingen in einem erfolgreichen Buch zusammengefasst. Die Kernthese lief darauf hinaus, dass Väter, Mütter und insbesondere Lehrer den Weg des pädagogischen Lotterlebens verlassen sollten, den die Achtundsechziger eingeschlagen hätten. Gut erzogen sei nur ein Mensch, der Ideale wie Gerechtigkeit schätze, Tugenden wie Ehrlichkeit lebe und fähig sei, "die Gültigkeit moralischer Werte erkennen und im Kontext des Wissens der Vorväter reflektieren zu können". Das waren deutliche Worte, und es schien eine Weile so, als könnte, wer hier an der neuen deutschen Grenze zwischen Kindern und Eltern mitreden wollte, nicht noch deutlicher werden.

          Nun hat der in Bonn als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie tätige Michael Winterhoff ein Buch veröffentlicht, das ebenso wie Buebs "Lob der Disziplin" die Summe von Erfahrungen zu sein vorgibt, die sein Autor im Berufsleben gesammelt habe. Wieder spricht ein Praktiker, dem Vertrauen zu schenken all jenen naheliegt, die den sogenannten Theoretikern schon deswegen nicht folgen möchten, weil diese ja nicht wissen, wie es in der Wirklichkeit zugehe.

          Winterhoff möchte keine neuen pädagogischen Konzepte ins Spiel bringen, sondern erst die dafür notwendige Grundlage schaffen, die in der Einsicht liegt, dass Kinder von Erwachsenen wieder als Kinder behandelt werden müssen, damit aus ihnen sozial reife Menschen werden. Eltern ziehen seiner Ansicht nach ihre Kinder gleichsam über die Grenze auf ihre Seite, sie machen damit aus ihnen Partner. Sie seien unfähig, konsequent ein bestimmtes Verhalten von ihren Kindern zu verlangen und dadurch sozial wichtige Verhaltensweisen bei ihren Kindern einzuüben.

          Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern solle hierarchisch sein und nicht vertikal aufgebaut werden nach dem Prinzip einer Partnerschaft, die das Kind überfordere, deren letzte Variante aber eine Symbiose mit dem Kind sei, die dem Erwachsenen nicht mehr erlaube, zum Kind auf eine ihm förderliche Distanz zu gehen. Erzieher, ob im Kindergarten oder in der Schule, würden Probleme, die sie selbst etwa mit ihrer Anerkennung durch Dritte haben, auf die Kinder projizieren. Ein Grund für die Malaise liege darin, dass Erwachsene sich durch die Gesellschaft überfordert fühlten und in die Beziehung zum Kind hineintrügen, was sie in der Wirklichkeit, in der sie sich nicht mehr "zurechtfinden" und wo sie sich "alleingelassen" fühlen (zum Beispiel vor dem Klimawandel), nicht zu lösen vermögen. In einer psychisch und pädagogisch intakten Welt werden Kindern "Aufträge" erteilt, die sie erfüllen müssen, ohne dass darüber mit ihnen debattiert wird, werden Kinder von Erziehern "geführt", "gespiegelt" und dadurch "geschützt".

          Winterhoffs Buch ist gleichsam eine Minimalanforderung an Eltern und Erzieher. Hier ist vom "Wissen der Vorväter", das Bueb im Blick hat, nicht die Rede, sondern davon, wie es Eltern, die psychisch gesund, aber von der Realität verunsichert sind, zum Vorteil der Kinder und der Gesellschaft gelingen kann, dass ihre Kinder früh jene seelische Statur erhalten, dank derer sie sozial reife Erwachsene werden.

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