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: Die Legende vom unsichtbaren Fotografen

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Der Meister hat vorgesorgt. Was so viele Künstler dem Gezänk der Erben überlassen, ist Henri Cartier-Bresson noch zu Lebzeiten geglückt: die Gründung einer Stiftung, die sich um sein Werk und seinen Nachruhm kümmern soll. Das erste Meisterstück der "Fondation HCB" war die große Retrospektive in der Pariser Bibliothèque Nationale, die eigentlich seinen 95.

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          Der Meister hat vorgesorgt. Was so viele Künstler dem Gezänk der Erben überlassen, ist Henri Cartier-Bresson noch zu Lebzeiten geglückt: die Gründung einer Stiftung, die sich um sein Werk und seinen Nachruhm kümmern soll. Das erste Meisterstück der "Fondation HCB" war die große Retrospektive in der Pariser Bibliothèque Nationale, die eigentlich seinen 95. Geburtstag - am 22. August - feiern sollte, aber, dem Beschleunigungstrend des heutigen Kulturbetriebs folgend, schon ein paar Monate vorher eröffnet wurde. Das opulent ausgestattete Begleitbuch liegt nun in einer prachtvollen deutschen Ausgabe vor und ist zweifellos die schönste und informativste Monographie, die dem großen Fotografen je gewidmet wurde. Schon der Umfang übertrifft alle Vorgänger: 36 Zeichnungen und Gemälde, 476 Fotografien, neunzig Lebensdokumente und 35 Abbildungen seiner Bücher sind zu sehen. Der Verlag kündigt das Buch als eine Art Testament des Künstlers an, und tatsächlich enthält es, was man von jedem ordentlichen Testament erwarten muß: Überraschungen.

          Die erste: Cartier-Bresson hat sich offenbar endlich von der Illusion verabschiedet, seine Zeichnungen seien den Fotos ebenbürtig. Jahrelang hatte er die Zeichenkunst favorisiert und dickköpfig von seinen Bewunderern verlangt, daß sie diese Einschätzung teilen. Einmal lehnte er sogar einen renommierten Kunstpreis ab, weil der "nur" seinen Fotografien gelten sollte. In der philosophisch verquasten Cartier-Bresson-Monographie von Jean-Pierre Montier konnte man dann 1995 sehen, wie der Meister damals verstanden werden wollte. In dem Buch wurde versucht, beide OEuvres, das des Zeichners und das des Fotografen, weitgehend gleichzuschalten. Die Zeichnungen waren so penetrant neben Vergleichsfotos plaziert, daß man auf die Übereinstimmungen regelrecht gestoßen wurde. Der Schuß ging freilich nach hinten los, denn gerade im Vergleich offenbarte sich, wie überlegen die Fotos den Zeichnungen sind.

          Es zeugt von Einsicht und vielleicht auch von Resignation, wenn jetzt die Zeichnungen wieder en bloc in einem eigenen Kapitel versammelt werden, das zudem als Schlußlicht dem fotografischen Lebenswerk angehängt ist, gleich vor den Lebensdokumenten. Auffällig ist auch, welch bescheidener Umfang dem Zeichnungskapitel zugestanden wird. Auf eine Zeichnung kommen jetzt, rein statistisch, vierzehn Fotos, während Montiers Monographie mit einem Verhältnis von knapp eins zu fünf unsere Aufmerksamkeit für die Zeichnungen hatte erzwingen wollen.

          Noch überraschender sind freilich die fotografischen Lebensdokumente, darunter viele Aufnahmen von befreundeten Fotografen, die Cartier-Bresson bei der Arbeit zeigen. Denn er hatte stets peinlich darauf geachtet, daß derartige Fotos möglichst gar nicht erst bekannt wurden. Jahrzehntelang arbeitete er hartnäckig an der Legende, er sei der große Unbekannte unter den Fotografen, der Mann ohne Gesicht, ein moderner Harûn er-Raschid, der sich unerkannt unter die Menge mischt, um das Leben der Menschen zu belauschen. War die Legende vom unsichtbaren HCB bloß eine Marotte? Sie war zweifellos mehr. Cartier-Bresson war fest überzeugt davon, daß er nur so, als Unsichtbarer in der Menge, dem Herzschlag des Lebens nahe sei und sich mit dem Rhythmus fremden Lebens synchronisieren könne.

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