https://www.faz.net/-gr3-nzwx

: Die Legende vom unsichtbaren Fotografen

  • Aktualisiert am

Der Rhythmus aber ist das A und O seiner fotografischen Kunst. Die Welt, wie seine Fotos sie zeigen, ist erfüllt von einem eurhythmischen Gleichklang der Formen, einer filmischen Endlosigkeit, einem wahren Ballett des Lebens. Kaum eines seiner Bilder ist ein klassischer Schnappschuß im Sinne einer eingefrorenen Pointe. Cartier-Bressons Formel vom "entscheidenden Augenblick", die so oft zitiert wird, meint gerade nicht den Moment, wo das Leben interessant wird, sondern jenen, wo es schutzlos ist und wir etwas von seinem innersten Gesetz wahrnehmen können, etwa so, wie man den Atem eines Schlafenden belauscht. Nichts könnte deshalb falscher sein, als Cartier-Bresson mit Robert Doisneau zu vergleichen, wie es oft geschieht. Für Doisneau ist die Welt eine Wundertüte, randvoll mit Pointen, und das Leben wird zu einer Riesensumme aus lauter Bruchteilen von Sekunden.

"Les Dances à Bali" war das erste Fotobuch, das Cartier-Bresson veröffentlichte, und den Tanz des Lebens könnte man das Leitmotiv seines Fotografenlebens nennen. Dazu mußte er gar nicht unbedingt Tänze fotografieren. Das ganze Leben wurde ihm zu einer großen Pantomime. Man bemerkt das deutlich, wenn man das Katalogbuch Seite für Seite betrachtet und die 476 Cartier-Bresson-Fotos an sich vorüberziehen läßt. Die meisten kennt man schon aus anderen Büchern, aber da das Bildmaterial jetzt weder chronologisch noch thematisch streng geordnet ist, zudem ein intelligentes Layout für Abwechslung sorgt, begegnet man vielen Bildern neben Nachbarn, die man an dieser Stelle nicht erwartet hat, so daß dem Auge pausenlos neue Anknüpfungspunkte geboten werden. Das ist anregend, denn selbst auf bekannten Bildern macht man plötzlich Entdeckungen, als sähe man sie zum ersten Mal.

Und fast immer entdeckt man jenen pantomimischen, tänzerischen Aspekt im großen Lebensornament, dessen Kurvatur sich nicht nur in den Menschen, sondern ebenso im trägen Wasserlauf der Flüsse wiederfindet und verblüffend oft sogar in den Werken, die der Mensch geschaffen hat: in der Kontur der Frauenkleider und Hausfassaden, in der Geometrie der Treppenstufen und Ackerparzellen, in der Schlangenwindung der Wege und Straßen. Der Mensch - ob er will oder nicht - ist ein erzählendes Wesen, und was er zu sagen hat, ist - ob er es weiß oder nicht - Teil eines endlosen Textes, von dem das ganze Leben in allen seinen Formen berichtet. Auch mit geschlossenem Mund bleibt der Mensch ein Erzähler. Er spricht dann mit seinem Körper, mit Haltung, Pose und Gesten, und je unbewußter das geschieht, desto mehr wird verraten - und um so gelungener ist dann das Foto von Cartier-Bresson. Er belauscht das Leben, wenn es, wie ein Tänzer beim Tanz, trancehaft in sich selbst versunken, ein heimliches Selbstgespräch führt. Er ist kein Reporter, er ist ein Visionär.

"Wer sind Sie, Henri Cartier-Bresson?" Sein Lebenswerk in 602 Bildern. Herausgegeben von der Fondation Henri Cartier-Bresson. Mit Texten von Jean Clair, Peter Galassi, Jean Leymarie und anderen. Verlag Schirmer/Mosel, München 2003. 432 S., 637 Abb., geb., 78,- [Euro].

Weitere Themen

Topmeldungen

Der belgische Premierminister Alexander De Croo informiert die Bürger nach den Beratungen über verschärfte Corona-Maßnahmen am Freitagabend.

Corona-Spitzenreiter : Belgien scheut den Lockdown

Belgien hat die höchste Infektionsrate in Europa. Die Maßnahmen werden verschärft, aber einen Lockdown wird es vorerst nicht geben. Aus Sicht von Fachleuten ist das viel zu wenig.
Der republikanische Senator Lindsey Graham spricht am 17. Oktober auf einer Wahlkampfkundgebung

Senatswahl in Amerika : Die Angst der Republikaner

Können die Demokraten Weißes Haus, Repräsentantenhaus und Senat in ihre Hand bringen? Die Republikaner fürchten den Verlust ihrer Mehrheit, weil sogar einst sichere Sitze in Gefahr sind.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.