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: Die lange Zeit unbesorgten Erzählens

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Gäbe es einen eigenen jüdischen Adel, J. Hellmut Freund hätte ihm angehört. Die Geschichte seines Lebens, das ihn von Berlin nach Uruguay und erst spät, 1960, wieder nach Deutschland führte, wo er bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr als Lektor und Ratgeber des S. Fischer Verlags wirkte - diese ...

          Gäbe es einen eigenen jüdischen Adel, J. Hellmut Freund hätte ihm angehört. Die Geschichte seines Lebens, das ihn von Berlin nach Uruguay und erst spät, 1960, wieder nach Deutschland führte, wo er bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr als Lektor und Ratgeber des S. Fischer Verlags wirkte - diese Geschichte hat einen so großen Fonds des Wohlwollens, vielleicht sollte man schlicht sagen: des gut Aspektierten, eines dem Finstersten abgerungenen Glücks, daß die Lektüre zum reinen Vergnügen wird.

          "Mein Vater", so schildert Freund die Vorbereitungen zur Emigration, "nahm mich am Spätnachmittag des 21. Januar 1939, eine Woche vor der Auswanderung, mit zum Abschiedsbesuch bei Max Planck; es war, als sollte der Einundachtzigjährige, der ein wissenschaftlicher Revolutionär und seiner Erscheinung nach ein Klassiker war, uns seinen Segen geben. Er sprach vom erhaltenden Denken in Generationen."

          Das erhaltende Denken! Planck hatte einen Orakelspruch geäußert, den man gut und gern als bündigste Formel für die Leistung von Freund nehmen kann. Und wie jedes echte Orakel war die Formulierung mehrdeutig. Erhalten hat Freund sich zunächst sein Judentum, in einer intellektuell kultivierten Form, aber eben doch obstinat und in Kernfragen nicht nachgebend. Doch dieses Judentum war so sehr von der deutschen Kultur getränkt, daß man bei der Lektüre des Buches glaubt, erst jetzt der Dichte der deutsch-jüdischen Verbindungen innezuwerden, die in den dreißiger Jahren zunächst einmal endete. Aber man muß Freund selbst hören, wie er vom einen aufs andere und immer weiter kommt, vom Laubhüttenfest zur Laubenidylle in Vossens "Luise", und von da zur "Gartenlaube", dem Inbegriff des Kleinbürgerlich-Biedermeierlichen, Unpolitisch-Deutschen; wie er selbst für die Marlitt als Schriftstellerin dieser Sphäre noch ein gutes Wort findet. Die herrlichsten Abschweifungen prägen seinen Stil, es ist der eines etwas großväterlichen, um die vergehende Zeit unbesorgten Erzählens.

          Ab der Mitte der dreißiger Jahre wurde der jüdische Religionsunterricht in den Privaträumen des Lehrers erteilt - es fehlten mehr und mehr die Schüler, deren Eltern sich schon früher zur Auswanderung entschlossen hatten. Dennoch wurde auch dieser Unterricht von der Schule anerkannt. Und mochte die offizielle Atmosphäre vergiftet sein, so kam es doch immer auf den einzelnen und seinen Anstand an: ",Sorgen Sie dafür, daß wieder ein Religion Sehr gut oben auf dem Zeugnis steht', sagte mir vor unserem Abitur unser deutschnationaler Klassenlehrer Dr. Friedrich Mohr."

          Und immer wieder ist man versucht, statt das Buch zu rezensieren, einfach aus ihm vorzulesen. Denn so gestaltete sich der Privatunterricht in jüdischer Religionslehre: "Als Kantorowsky in biblischer Geschichte auf Herodes zu sprechen kam, mimte und sang er das Finale der ,Salome' von Richard Strauss, statt der silbernen Schüssel mit dem Haupt Johannes des Täufers einen Teller balancierend."

          Wenn man in Freunds Autobiographie die indiskreten, enthüllend-hämischen Anekdoten vermissen mag, die sonst der Lektüre von Lebensbeschreibungen ihre Würze geben, so wird man doch reichlich entschädigt durch die Dichte der überlieferten Szenen - Freund muß über ein erstaunliches Gedächtnis verfügt haben. Auch hier also "erhaltendes Denken".

          Und dann der Lektor! Gut hundert Seiten dieses Bandes dokumentieren Freunds Tätigkeit für den Verlag, erst noch als Autor der "Neuen Rundschau", später dann im Frankfurter Haus. Würdigungen findet man, Klappentexte, Briefe an die Vertreter, die diesen das Programm nahebringen. Hier ist nun doch die Gelegenheit für eine melancholische Betrachtung: Wie viele Bücher erscheinen heute, auch in angesehenen Verlagen, in denen man auf jeder Seite die schiefen Sätze trifft und bemerkt, wie sehr das einfachste Sprachempfinden seither gelitten hat - und es sind nicht die oft getadelten Anglizismen, die stören, sondern die schlichten Fehler . . . aber hier, bei Freund, liest man eine schöne, ernsthafte, gleichmäßige Prosa. In der Dynastie der deutsch-jüdischen Fischer-Lektoren, die mit Moritz Heimann begann und sich in Rudolf Hirsch fortsetzte, war er vielleicht der letzte. Es mag sein, daß Freund, der musikalisch Hochbegabte, auch die Sprache zunächst hörte - und hier müssen wir einräumen, dem großen Thema der Musik und der Musiker-Freundschaften, das diese Erinnerungen durchzieht, nicht den gebührenden Raum gegeben zu haben.

          Dem Buch ist ein Motto der indisch-türkischen Erzählungssammlung "Tuti-Nameh" vorangestellt: ,,Die Zunge ist der Dolmetscher des Herzens, das heißt, der Wert und der Adel des Menschen, sein Gutes und sein Böses, sein Lieben und sein Hassen und alle Zustände seines Innern werden durch die Rede offenbar." In diesem Fall, wie gesagt, der Adel.

          J. Hellmut Freund: "Vor dem Zitronenbaum". Autobiographische Abschweifungen eines Zurückgekehrten. Berlin - Montevideo - Frankfurt". Hrsg. von Vikki Schaefer und Leo Domzalski. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005. 577 S., Abb., mit CD, geb., 22,90 [Euro].

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