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: Die Kunst, sich als Kunst zu sehen

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Kunst ist das Thema des Jahres. Alle haben eine Meinung zur Documenta, alle haben von den wahnwitzigen Summen gehört, die auf den Auktionen bezahlt wurden, und dass in Museen und Kunstvereinen eine Rekordbesucherzahl die nächste jagt, hat sich auch schon herumgesprochen. Dass bei dem neuen, massenhaften ...

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          Kunst ist das Thema des Jahres. Alle haben eine Meinung zur Documenta, alle haben von den wahnwitzigen Summen gehört, die auf den Auktionen bezahlt wurden, und dass in Museen und Kunstvereinen eine Rekordbesucherzahl die nächste jagt, hat sich auch schon herumgesprochen. Dass bei dem neuen, massenhaften Interesse für alles, was entfernt mit Kunst zu tun hat, auch die Verlage ihre Chance wittern, zeigen die Containerladungen allgemeiner Beratungsliteratur zum Thema Kunst, mit der die Fachbuchhandlungen derzeit geflutet werden.

          Meistens sind es seltsame Bücher; der Tonfall ihrer Autoren dem Leser gegenüber schwankt wahlweise zwischen besorgtem Irrenarzt und jovialem Lehrer, und was den Erkenntnisgehalt betrifft, schrammen viele der neuen Publikationen hart an einer Beleidigung des Käufers vorbei. Die berühmte Bemerkung, der Baum, der manche zu Tränen rühre, sei in den Augen anderer nur ein grünes Ding, das im Wege stehe, gilt abgewandelt eben auch für die Kunst, und was jenseits von ganz allgemeinen Phrasengirlanden ("eröffnet neue Sichtweisen", "stellt Gängiges infrage" und so weiter) "gute Kunst" ausmacht, bleibt am Ende Meinung des Autors, dem sich der Leser anschließen kann oder nicht.

          Das abstruseste der vielen neuen Kunstbücher ist Adam Lindemanns Buch "Collecting Contemporary", das sich mit der Frage nach gut oder schlecht gar nicht mehr aufhält: "Du hast dich entschlossen, einzusteigen", heißt es da, es folgen Interviews mit diversen Kunstbetriebsnudeln, die sagen sollen, wie der "Einstieg" in eine Kunstwelt funktioniert, die hier als Tummelplatz ästhetisch notverkleideter Wertanlagen erscheint - mit Gewinnspannen, "die in jeder Branche spektakulär wären".

          Dummerweise versperren solche Druckwerke in den Buchhandlungen mittlerweile die Sicht auf die wirklich interessanten Bücher.

          Wie ein brillanter literarischer Kunstessayismus aussehen kann, zeigt zum Beispiel Beat Wyss' Buch über die "Wiederkehr des Neuen". Der Band versammelt Texte, die in der deutschen Kunstwissenschaft einmalig sind und die Gattungsgrenze entschlossen in Richtung Literatur aufsprengen; Wyss' Texte zur "Hochkultur Pop" oder der "Ikonographie des Unsichtbaren", zur geheimen Unterströmung, die "Kraft durch Freude" mit dem Bikini verbindet, oder zum Flachbildschirm stehen in einer Tradition von Roland Barthes' und Susan Sontags phänomenologischem Blick auf die Erscheinungen der Gegenwart. Ausgehend von derartigen Erscheinungen und ihren ideologischen Abgründen entwirft Wyss eine politische Ästhetik, mit der sich die Bildcodes der Gegenwart leichter knacken lassen als mit den Stapeln neuer Kunstliteratur, die ihren Gegenstand so lange durchs Geröll der Befindlichkeiten schleifen, bis er auf eine esoterische Lebenshilfe heruntergeschmirgelt ist - nach dem Motto: Schau Kunst an, und sieh dich selbst ganz neu.

          Immerhin gibt es Bücher, die anhand historischer Beispiele viel präziser zeigen, wie Künstler Phänomene ihrer Gegenwart vorsprachlich formulierten, die so noch nicht bewusst waren, und am Ende ein neues Menschenbild herauskristallisierten. Felix Krämer hat gerade für das späte 19. Jahrhundert eine Kultur- und Mentalitätengeschichte des "unheimlichen Heims" und des Interieurbildes geschrieben, das ein Experimentierfeld war für die Frage, was das Private sei und wie sich das Individuum im Bild ungesehener Räume neu konstruiere. Für ein eher wissenschaftliches Publikum zeigt Iris Wenderholm in ihrer grundlegenden, spannenden Studie "Bild und Berührung", wie im italienischen Quattrocento Reliefbilder - Zwitter aus Bild und Skulptur - vor den Augen der erstaunten zeitgenössischen Betrachter religiöse Szenen zu scheinbar lebendigen Miniaturwelten auferstehen ließen: Die plastisch geschnitzten Heiligenfiguren mussten mit ihren täuschend echt geformten, geröteten Wangen und Armen damals so gespenstisch real und intensiv gewirkt haben wie heute große Kinofilme.

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