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: Die Kunst, sich als Kunst zu sehen

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Beide Bücher wenden sich an ein anspruchsvolles Publikum, das mit dem "look at art, and just feel yourself" der Neuen Kunstwelt nicht viel zu tun hat. Dass sich theoretischer Anspruch und gute Lesbarkeit dabei nicht ausschließen müssen, zeigt der von Andreas Beyer herausgegebene Band zu "Klassik und Romantik", der in der Prestel-Reihe zur "Geschichte der bildenden Kunst in Deutschland" erscheint (man hat angesichts der zahllosen internationalen Einflüsse bewusst auf den knurrigen Begriff "deutsche Kunst" verzichtet). Das Buch ist ein lexikalisches Grundlagenwerk zur Kunst zwischen 1750 und 1850 - einer Zeit, die man immer noch mit der Gipsstarre schadowscher Grazien und der hängeköpfigen Entkräftung gefühliger Nazarener verbindet. Wie experimentell die Kunst dieser Zeit war, zeigt aber schon das Genre des Porträts: Gegen das klassische Ideal gerichtet, wird es zum Experimentierfeld des Individuellen, Verschrobenen, Erstaunlichen und Monströsen. Heftige Affekte und schrille Posen, Durchmischung, Rückkopplungen und hemmungslose Collagetechnik prägten weit vor den Avantgarden das Bild. Der Patchwork-Charakter dieser "deutschen" Kunst wird am Doppelporträt sichtbar, das der 19-jährige Maler Carl Joseph Begas vor seiner Abreise zum Studium in Paris von sich und seinem Freund, dem Architekten Johann Peter Weyer, malte. Das Bild der Jünglinge vor dramatischem Himmel und ergrauter Antike ist ein Beispiel dafür, wie deutsche Künstler die europäische Kunstgeschichte von Poussin bis David aufsaugten und zu einer neuen, paradoxen Mischung aus Elegie und überkurbeltem Drama verschmelzen ließen.

Zu den eigenartigsten dieser Bilder gehört Victor Emil Janssens "Selbstbildnis an der Staffelei". Halbnackt und lasziv sieht man den jungen Maler im Raum lehnen; er zeichnet auf eine Leinwand, die aber nicht zu sehen ist, stattdessen schaut man direkt ins Bett des Künstlers. So sehen Aktmodelle ihre Maler; der klassische Bildgegenstand und der Betrachter werden in einer erotisch geladenen Szene kurzgeschaltet. Janssens Selbstbildnis ist nur ein Beispiel für die erfindungsreiche, überhitzte Perspektivverwirrung der Romantiker, deren bildtheoretische Revolte in diesem Band sichtbar wird - und wenn man die Mechanismen und die Spiele der Gegenwartskunst mit dem Betrachter verstehen will, dann schadet es nicht, ihre Grundlagen in der Geschichte der Kunst zu kennen.

NIKLAS MAAK

Andreas Beyer (Hg.): "Die Geschichte der deutschen Kunst in Deutschland. Klassik und Romantik (Bd. 6)". Prestel-Verlag München, 640 Seiten, 140 Euro

Felix Krämer: "Das unheimliche Heim. Zur Interieurmalerei um 1900". Böhlau-Verlag Köln, 262 Seiten, 34,90 Euro

Iris Wenderholm: "Bild und Berührung. Skulptur und Malerei auf dem Altar der italienischen Frührenaissance". Deutscher Kunstverlag München, 304 Seiten, 58 Euro.

Beat Wyss: "Die Wiederkehr des Neuen". Philo & Philo Fine Arts Hamburg, 22 Euro

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