https://www.faz.net/-gr3-10sbx

: Die Kritik der Kritik

  • Aktualisiert am

Kritiker, sagt Martin Walser, sollten nur noch schreiben, wenn sie ihrem Gegenstand zustimmen könnten. Alles andere löse bei den betroffenen Künstlern "Porenverschluss" aus. Diese Kritik muss deshalb unbedingt mit einem Lob beginnen: "Kinderspielplatz" ist eines der lesbarsten, weil am schnellsten zu lesenden Bücher dieses Herbstes.

          3 Min.

          Kritiker, sagt Martin Walser, sollten nur noch schreiben, wenn sie ihrem Gegenstand zustimmen könnten. Alles andere löse bei den betroffenen Künstlern "Porenverschluss" aus. Diese Kritik muss deshalb unbedingt mit einem Lob beginnen: "Kinderspielplatz" ist eines der lesbarsten, weil am schnellsten zu lesenden Bücher dieses Herbstes. Einhundertsiebzehn knackige, großporige Seiten. Ein Bändchen, von dem man weder fett noch müde wird, einen literarischer Fitness-Snack, perfekt für Krisenzeiten wie diese. Schon deshalb, weil es auch in "Kinderspielplatz" um Krisen geht: Schreibkrisen, Lesekrisen, Ichkrisen, Deutschlandkrisen. Und darum, wie man sie bekämpft.

          Nämlich durch Reden. "Kinderspielplatz" ist, genau genommen, gar kein Buch, sondern ein Sammelband: zwei Vorträge aus dem laufenden Jahr - der eine in Berlin, der andere in München gehalten -, ergänzt durch Tagebuchstellen aus den fünfzig Jahren davor. Brandaktuelles mit einer Prise Ewigkeit. Denn man soll ja nicht glauben, Walser kämpfe erst seit gestern mit den Kritikern. Er ringt mit ihnen, seit er zu schreiben angefangen hat, und er kann sich an jede Wunde erinnern, die sie ihm geschlagen haben. Zum Beispiel der Theaterkritiker Henrichs, im November 1975: "dass ich keine Dialoge schreiben könne, keine Figuren erfinden könne, dass deshalb mein Stückeschreiben die Geschichte einer Niederlage sei". Oder Marcel Reich-Ranicki im Jahr darauf über "Jenseits der Liebe": "Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman." Diese Sätze peinigen den Schriftsteller W. auch noch nach dreißig Jahren. Und in der Zwischenzeit sind andere, nicht minder böse Sätze dazugekommen. Etwa Jurek Beckers Entgegnung auf Walsers Deutschlandrede von 1988: "nationalistisches Geschwafel". Oder die Bemerkung eines "Spiegel"-Redakteurs über Walsers Paulskirchenrede von 1998: Der Autor "stehe für viele, die einen Schlussstrich fordern". Solche Sätze tun weh. Sie umschwirren den Schriftsteller W. wie ein Stechmückenschwarm. Und weil er sie nicht los wird, geht er mit ihnen auf Reisen. Er packt sie in seinen Manuskriptkoffer, lässt sie in München oder Berlin auf sein Publikum los und zeigt dazu seine Stiche. Hier, die aufgekratzten Beulen: "Kritik oder Zustimmung oder Geistesgegenwart". Da, der zerschundene Rücken: "Über Erfahrungen mit dem Zeitgeist". Natürlich geht es dabei, oberflächlich betrachtet, ganz sachlich und vernünftig zu. "Die Relativitätstheorie der öffentlichen Meinung wird nicht geschrieben werden", heißt es etwa, oder: "Es geht nicht darum, der Kritik ihr Recht zu bestreiten." Dann werden Kant zitiert, Goethe, Lawrence Sterne, Peter Sloterdijk und sogar "Stephan Ruß-Mohl, Professor für Kommunikationswissenschaft".

          Aber in Wirklichkeit geht es um etwas anderes. Es geht um Verletzungen. Um Schmerz. Um Bitterkeit. Da will einer schreien und muss sich mit Reden begnügen. Statt um sich zu schlagen, macht er Weltverbesserungsvorschläge. Etwa für Kritiker: Statt Bücher abzuschießen, sollten sie sich auf Autorenpflege verlegen: "Geschrieben wird nur über das, was gefällt." Das ganze Land wäre lebenswerter und wärmer, die Heizkosten und die Unfallzahlen würden sinken. Ein seliger Traum. Aber dann steht ein italienischer Journalist vor der Tür und erzählt dem Schriftsteller W., in Italien halte man ihn für "troppo tedesco". Und aus ist's mit der guten Laune. Troppo tedesco!

          Glaubt man diesen Reden, dann hat der Redner Walser immer die falschen Reden gehalten. Vor fünfzig Jahren, nach seinem ersten Roman, spottete er über literarisches Engagement und wurde prompt als "affirmativ" abgestempelt. Zehn Jahre später engagierte er sich gegen den Vietnamkrieg und galt als Kommunist. Seines "Geschichtsgefühls" wegen schob man ihn zu den Deutschnationalen, dann zu den "Schlussstrich"-Apologeten. Dabei, und das ist die Pointe aller Walser-Reden, spricht Walser immer nur von sich selbst. Seine Naivität ist nicht gespielt. Erst seine Interpreten verwandeln des Dichters Sätze in Politik. Auch die Texte dieses Bandes darf man nicht als Aufruf zur Feuilletonreform missverstehen. Sie sind nur die Fortsetzung des Tagebuchs, eine öffentliche Form privaten Jammerns. Wären es Verse, hieße es Elegie.

          Aber das Tagebuch ist ehrlicher. Es öffnet die Mördergrube des Herzens, die in den Reden immer krampfhaft zugeklappt bleibt. Etwa in einer Vernichtungsphantasie von 1975: "Alle Vormacher, Nachmacher, Gelungenheitsveranstalter, Feinsinnigproduzenten, Sensibilitätenprotzer, Klugscheißer, Sinnlosigkeitsvirtuosen . . . die soll man alle totschlagen, in dieser Nacht." Genau. Und deshalb werden wir weiter Walser lesen. Den Schriftsteller. Der genügt.

          ANDREAS KILB

          Martin Walser: "Kinderspielplatz. Zwei öffentliche Reden über Kritik, Zustimmung, Zeitgeist. Mit einem Anhang Tagebuchstellen von 1957-2004". Berlin University Press 2008, 117 Seiten, 17,90 Euro

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Putin und seine Soldaten

          Russland, Ukraine, NATO : Putins Spiel mit dem Westen

          Russlands Präsident bedroht die Ukraine und erfindet neue rote Linien. Der Westen darf sich davon nicht erpressen lassen.
          Straße in Leicester: Die besseren Tage sind schon lange her.

          Abgehängter englischer Norden : Johnsons blühende Landschaften

          Mit seinem „Levelling up“-Programm will der englische Premierminister Boris Johnson die Angleichung der Lebensverhältnisse für die Menschen im Norden Englands erreichen. Kann das klappen?
          Covid-Kontrolle in der nordostchinesischen Stadt Harbin.

          Ausländer verlassen China : Pekings strenge Covid-Politik stößt auf Zorn

          Pekings Null-Covid-Politik hat aus dem Land ein Gefängnis gemacht. Die in China lebenden Ausländer fliehen daher vor lauter Unmut in Scharen. Einheimische schaffen es jedoch nur mit großer Mühe, das Land derzeit zu verlassen.
          Dauert alles ziemlich lange: Bau einer Windkraftanlage in Altenbecken am 02.08.2013.

          Windkraftpläne der Ampel : Der Turbo für Großprojekte

          Die Ampel will den Bau von Windparks beschleunigen. Sie setzt vor allem auf eine Professionalisierung des Rechtsverfahrens. Dass dafür der Artenschutz zurückstehen muss, bereitet den Naturschutzverbänden aber kaum Sorgen.