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: Die Kränkung

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Der junge Literaturwissenschaftler Matthias N. Lorenz hat eine umfassende Untersuchung zur Judendarstellung und zum Auschwitzdiskurs im Werk Walsers als Dissertation vorgelegt. Sie enthält auch den Versuch, die Hauptlinien der heftig geführten Debatte um Walsers umstrittenen Skandalroman "Tod eines Kritikers" (2002) kritisch nachzuzeichnen.

          Der junge Literaturwissenschaftler Matthias N. Lorenz hat eine umfassende Untersuchung zur Judendarstellung und zum Auschwitzdiskurs im Werk Walsers als Dissertation vorgelegt. Sie enthält auch den Versuch, die Hauptlinien der heftig geführten Debatte um Walsers umstrittenen Skandalroman "Tod eines Kritikers" (2002) kritisch nachzuzeichnen. Vor aller Beurteilung handelt es sich um ein mutiges Unterfangen, das hinsichtlich einer akademischen Karriere ziemlich riskant ist. Der Lagerbildung, die der Autor konstatiert, wird seine Abhandlung wohl nicht entkommen. Als Rezensenten verpflichtete zum Beispiel die "Süddeutsche Zeitung" den Germanisten Dieter Borchmeyer, Verfasser und Herausgeber von teilweise polemischen Beiträgen zum Thema, die Lorenz in seinem Buch als apologetisch und fehlerhaft beurteilt. Wie vorherzusehen war, unternahm der kritisierte Borchmeyer den Versuch, die Arbeit seines Kritikers Lorenz vollständig zu verdammen. Anders, aber auch nicht gerade glücklich, steht es mit der "taz", die einen Biographen Walsers mit der Rezension betraute. Jörg Magenaus Biographie hat ihre Meriten, aber den Vorwurf, sie lasse die gebotene Distanz zu ihrem Gegenstand vermissen, kann man ihr nicht ersparen.

          Literaturwissenschaftliche Arbeit beruhte traditionell auf einigen Überzeugungen, die dichtungslogisch nicht zureichend zu begründen waren und dennoch galten. Dazu gehörte die ungeschriebene Regel, um der wissenschaftlichen Distanz willen nicht über lebende Autoren zu urteilen, schon gar nicht, wenn die Fragestellung vom öffentlichen Diskurs vorgegeben wird. Dazu zählte auch die taktvolle Unterscheidung zwischen Autor, Erzähler und dargestellten Figuren, obwohl schwer zu bezweifeln ist, daß die Instanz des Erzählers oft als Tarnung oder "Maske des wirklichen Autors" (Paul Ricoeur) fungiert. Diese höflichen Konventionen sind jedenfalls inzwischen von der Literatur wie der Literaturwissenschaft weitgehend aufgelöst worden. Für viele Gegenwartsautoren, von Rainald Goetz bis Herta Müller, ist es gleichsam Ehrensache, mit der eigenen Person und Biographie für das Werk einzustehen. Entsprechend sind als kritisch sich verstehende Literaturwissenschaftler bereit, ihre Hände nicht in der vermeintlichen Unschuld des rein Literarischen zu waschen.

          Ohne Unbehagen geht das auch bei Lorenz nicht ab. So betont er eingangs, es sei nicht seine Absicht, Martin Walser "zu beschädigen, herabzusetzen oder zu kränken", aber er weiß natürlich, daß dies bei Walsers Talent zum Gekränktsein unweigerlich der Fall sein wird. So bemüht sich Lorenz gar nicht erst um freundliche Verbrämung seiner Methode. Er möchte "den Autor zu fassen" bekommen, unter der Oberfläche zum "Subtext" und zur "Textintentionalität", zum "eigentlich Gemeinten" vordringen. Das bedeutet, daß sowohl die Rede des Erzählers wie die der Figuren als "Verflechtung von Text und Autor" auf Walser als Schriftsteller und öffentliche Person zurückgeführt wird. Aber nicht auf ihn allein. Lorenz will am Beispiel Walsers vielmehr zeigen, "daß es literarischen Antisemitismus in der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit und Gegenwart gab beziehungsweise gibt und daß dieser gerade in der auf einen antifaschistischen Konsens gegründeten Gruppe 47 einen Ort hatte".

          Umkehr von Täter und Opfer

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