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Globale Wirtschaftselite : Nesthocker mit kosmopolitischem Anstrich

Meiste Unternehmensführer kommen aus der eigenen Kaderschmiede

Die Auslandserfahrung (mehr als sechs Monate) heimischer CEOs und Aufsichtsräte liegt gerade einmal bei 22 Prozent, Tendenz sinkend. Die meisten Unternehmensführer durchliefen Hauskarrieren, und wenn sie längere Zeit im Ausland verbrachten, war das nur in den wenigsten Fällen mit einem Wechsel des Unternehmens verbunden, was nur konsequent ist, wenn man sich ihre Bildungsviten ansieht. Die großen internationalen Business Schools sind, wie Hartmann nachweist, nicht die Kadettenanstalten einer globalen Wirtschaftselite, für die sie oft ausgegeben werden. Die Wirtschaftselite bildet sich nur zu einem geringen Teil an den berühmten Business Schools in Harvard oder Paris und studiert in der Mehrheit lieber zu Hause. Nur jeder dreiundzwanzigste unter den tausend mächtigsten CEOs hat überhaupt im Ausland studiert. Und wenn es deutsche Vorstandsmitglieder zum Studium in die Ferne zog – der Anteil liegt hier bei 3,5 Prozent –, dann kamen sie kaum über die Schweiz hinaus.

Man verzichtet anscheinend nur ungern auf das Gewohnte; und die weiterhin große Bedeutung der totgesagten nationalen Sprache, und Kulturen zeigt sich auch darin, dass ausländische Unternehmensführer hauptsächlich aus dem eigenen Sprach- und Kulturkreis rekrutiert werden. Die ausländischen Spitzen-CEOs in Deutschland kommen beispielsweise aus Österreich, Dänemark und den Niederlanden. Auch Großfusionen ändern nichts an diesem Bild: Bei dem Pharmakonzern Pfizer, der 2002 den schwedischen Konkurrenten Pharmacia schluckte, sind neunzig Prozent der Aufsichtsratsmitglieder Amerikaner.

Man könnte nun einwenden, dass der Aufstieg an die Unternehmensspitze eben seine Zeit brauche und sich die Globalisierung erst mit der nachrückenden Generation in der Statistik niederschlage. Mit Blick auf die vergangenen zwanzig Jahre ist die Tendenz aber sogar rückläufig. Und aus der Statistik lässt nicht ablesen, dass internationalisierte Volkswirtschaften erfolgreicher sind. Hartmann sieht mit Blick auf die Internationalisierungsbilanz der Dax-Unternehmen eine Sättigung erreicht.

Das ist natürlich Wasser auf die Mühlen der populistischen Proteste gegen einen kosmopolitischen Liberalismus, der, wie Caspar Hirschi in der „Neuen Zürcher Zeitung“ schrieb, „Wettbewerb kultiviert und Abschließung praktiziert, Diversität predigt und Dissidenz bestraft, Demokratie sagt und Technokratie meint“, der sich in der Finanzkrise von dem vielgeschmähten Nationalstaat aus dem Sumpf ziehen ließ und sich hinterher erfolgreich der Verantwortung entzog, während Politik und Medien zur Zielscheibe des Elitenprotests wurden. Die Folgen der unaufgearbeiteten Finanzkrise für die politischen Krisen der Gegenwart sind, wie Hirschi schreibt, tatsächlich kaum zu überschätzen und geben dem Protest gegen das Establishment ein nicht zu entkräftendes Argument an die Hand.

Politik kann Kapitalflucht eindämmen

Hartmann verbrüdert sich aber nicht mit dem generalisierten Elitenprotest, sondern schließt, dass man einer Klasse, die es nicht gibt, keinen vorauseilenden Gehorsam leisten sollte. Zum Beleg, dass ein starker politischer Wille gegen das mobile Kapital sehr wohl etwas ausrichten kann, führt er eine Reihe erfolgreicher Maßnahmen zur Eindämmung von Kapitalflucht an: das Austrocknen von Steueroasen, die Aufhebung des Steuergeheimnisses in der Schweiz und die aktuellen Anstrengungen, Unternehmen wie Google und Facebook in Europa steuerlich zur Verantwortung zu ziehen. Das geht über die Reichweite seiner Untersuchung aber schon hinaus. Kapitalbewegungen hängen schließlich nicht davon ab, ob man sie vom Zürichsee oder von Oklahoma aus tätigt und Kontakte zum dortigen Jetset pflegt. Das ist aber nur ein kleiner Einwand gegen Hartmanns These.

Man wird nicht mehr daran zweifeln, dass kulturelle Beharrungskräfte gerade dort sehr ausgeprägt sind, wo sie totgesagt werden, und wirtschaftliche Entscheidungen weiter eine Ortsbasis haben. Wenn Politik und Medien nicht wollen, dass der Protest gegen das kosmopolitische Establishment auf sie zurückfällt, dann haben sie jetzt genug Material, um mit der Münchhausen-Geschichte vom globalen Manager, der immer schon auf dem Sprung zum nächsten lukrativen Jobangebot im Ausland ist, aufzuräumen und die Wirtschaft in die Verantwortung zu nehmen. Dem nächsten Unternehmensführer, der den unaufhaltsamen Aufstieg des globalen Nomadentums beschwört, kann man gelassen die Frage nach seinem Wohnort stellen.

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