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: Die kommunizierenden Möhren

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In der Zukunft hatte es Arnold Schwarzenegger richtig gut. 1984 durfte er im Science-fiction-Film "Der Terminator" als Modell T 800 zwei coole Maschinenaugen tragen, die ihm die Welt interpretierend direkt ins Cyborg-Hirn brannten. Wann immer der grimmige Muskelprotz einem androiden Widersacher entgegentrat, ...

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          In der Zukunft hatte es Arnold Schwarzenegger richtig gut. 1984 durfte er im Science-fiction-Film "Der Terminator" als Modell T 800 zwei coole Maschinenaugen tragen, die ihm die Welt interpretierend direkt ins Cyborg-Hirn brannten. Wann immer der grimmige Muskelprotz einem androiden Widersacher entgegentrat, wurden dessen Lebensdaten in flammend roter Schrift auf der Netzhaut eingespielt.

          Wenn alles glatt läuft, werden wir es bald ebenso gut haben wie Arnold Schwarzenegger: mit dem kleinen Unterschied, daß uns zur Deutung der Wirklichkeit kein Maschinenaugenpaar zur Verfügung steht, sondern eine Brille aus lichtemittierendem Plastik. Wir werden in unsere Vorgärten schauen und die Leuchtstoff-Brille wird uns in einem Pop-up-Fenster sagen, daß die Hortensien dringend Wasser brauchen. Wir werden nach unseren Babys spähen und die Brille wird uns verraten, daß es schon wieder Zeit zum Windelwechseln ist. Wir werden auf unsere Frauen blicken und die Brille wird uns warnen, den Hochzeitstag nicht zu vergessen. Wenn wir eine besonders kluge Brille haben, dann bestellt sie gleich einen günstigen Blumenstrauß im World Wide Web.

          "Ubiquitous Computing" heißt das Zauberwort, das eine mikrochipbasierte Totalvernetzung des Alltags verheißt. Ein Wissenschaftler am Forschungszentrum Xerox Parc in Palo Alto, Mark Weiser, hat es Anfang der neunziger Jahre ausgesprochen. Durch die Miniaturisierung der Kommunikationselektronik und durch wesentlich erhöhte Speicherkapazitäten scheint es nun auf magische Weise wahr zu werden. Bald schon werden kleinste, billig produzierte und in alle erdenklichen Gebrauchsgegenstände integrierte Prozessoren oder Sensoren eine zwar unsichtbare, dafür aber um so dominantere Rolle in unserem Leben spielen. Im Automobilbau ist dieses Zusammenspiel "intelligenter", interagierender Steuer- und Assistenzsysteme bereits heute gang und gäbe. Das Verschmelzen des Computers mit der Alltagswelt hat dort bereits stattgefunden.

          "Smarte" Rasensprenger, die um die Bodenbeschaffenheit ihres Standorts wissen und mit dem Wetterbericht im World Wide Web gekoppelt sind; Autos, die durch Kontakt zu anderen Fahrzeugen Kollisionen verhindern können; Möhrengläser, die ihr Verfallsdatum rechtzeitig an Kühlschranktüren pinnen; Kühlschränke, der sich wie ein postmodernes Füllhorn per Online-Bestellung selber füllen: Im digitalen Schlaraffenland wohnt jedem Ding ein Hardware-Zauber inne, der es zu uns Nutzern und - vor allem! - zu anderen Dingen sprechen läßt. Denn nach der Kommunikation von Mensch zu Mensch via Telefon und der Kommunikation von Mensch und Maschine (Server) über Internet stellt das "Ubiquitous Computing" - die Kommunikation von Objekten untereinander - nun die dritte, bisher radikalste Phase der Informationsgesellschaft dar.

          "Body Area Networks" mit dem Menschen als lebender Schnittstelle sollen es in Zukunft ermöglichen, die "Zugangsberechtigung" etwa zu Häusern durch bloße Berührung (zum Beispiel der Türklinke) zu überprüfen. "Wearable Computing" mit leitfähigen Stoffen macht die Manipulation von entfernten Gegenständen durch Bewegung denkbar. Längst hat auch die Wirtschaft die Möglichkeiten des "Ubiquitous Computing" für sich entdeckt und neue Absatzmodelle ausgemacht. Warum sollten die smarten Möhren nicht schmeichelnd und werbend auf Kühlschrankdisplays kundtun, mit welchen Erbsen welcher Firma sie am liebsten zu einem Gericht verkocht werden wollen? Bei erfolgtem Kauf könnte dann Geld vom Erbsen- zum Möhrenhersteller fließen. Vor einiger Zeit überraschte ein globales Beratungsunternehmen mit Barbie-Puppen, die sich ihre neuen, ebenfalls smarten Kleidchen vom eigenen Haushaltsgeld selbst ordern sollen. "Silent Commerce" lautet hier der Fachbegriff.

          Bei dieser Allgegenwart des Digitalen sind künstliche Probleme natürlich programmiert. Was etwa tun, wenn Kühlschrank und Möhrenglas nicht den gleichen Entwicklungsstand besitzen, Gerät und Gemüse also gegebenenfalls nicht mehr die gleiche Sprache sprechen? Wer bürgt für die Objektivität der Objekt-Botschaft? Wer also überwacht, ob eine subversive Karottenpackung meine Kinder in meiner Abwesenheit über den Tiefkühlbildschirm nicht mit unterschwelligen Texten füttert? Wenn alle Dinge zu Medien ihrer selbst geworden sind, dann kann jeder sie für seine Zwecke nutzen.

          Diesen und anderen Fragen widmet sich der von Friedemann Mattern herausgegebene Band "Total vernetzt". Szenarien einer informatisierten Welt, in dem der Professor am Institut für Pervasive Computing der ETH Zürich die Aufsätze des 7. Berliner Kolloquiums der Gottlieb Daimler- und Karl Benz-Stiftung versammelt. Informatiker, Kulturwissenschaftler und Philosophen diskutieren Vor- und Nachteile der teils erschreckenden Zukunftsvisionen, etwa hinsichtlich der Telekommunikationsentwicklung, der internetbasierten Fahrzeugtechnologie oder der Betriebswirtschaft. Sie gehen der Frage nach, ob und inwieweit "Ubiquitous Computing" zu mehr Selbstbestimmung führen kann, und erläutern anschaulich die juristischen und ethischen Implikationen des Begriffs. Wer die Wirklichkeit einmal durch die virtuelle Brille digitaler Weltmodelle betrachten will, ist mit diesem klugen und überaus informativen Buch sehr gut beraten.

          THOMAS KÖSTER

          Friedemann Mattern (Hrsg.): "Total vernetzt". Szenarien einer informatisierten Welt. 7. Berliner Kolloquium der Gottlieb Daimler- und Karl Benz-Stiftung. Springer Verlag, Heidelberg 2003. 251 S. geb., 44,95 [Euro].

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