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: Die Kanone blickt auf ihr Werk: Werner Hofmanns Daumier-Studie

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Honoré Daumier gilt immer noch in erster Linie als amüsanter Karikaturist, obwohl seit langem sein malerisches OEuvre bekannt ist, das sich unabhängig als eine der großen originalen Leistungen des neunzehnten Jahrhunderts behauptet. Daumier, der Maler, ist ein allegorischer Erzähler, dessen schattenhafte ...

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          Honoré Daumier gilt immer noch in erster Linie als amüsanter Karikaturist, obwohl seit langem sein malerisches OEuvre bekannt ist, das sich unabhängig als eine der großen originalen Leistungen des neunzehnten Jahrhunderts behauptet. Daumier, der Maler, ist ein allegorischer Erzähler, dessen schattenhafte Figuren und dunkle Farben ein Lebensgefühl zwischen Abenteuer und Verzweiflung wiedergeben. Nicht erst durch die Entdeckung dieser Gemälde hat sich das Lachen verflüchtigt. Denn auch ein beachtlicher Teil des Karikaturenwerks von Daumier ist von einem bitteren Ernst, der jedes Lachen erstickt.

          Die Blätter, mit denen Daumier den Krieg von 1870/71 kommentiert hat, sind beispielhaft dafür. Sie verlassen das karikaturale Genre, ohne am Strich und Habitus etwas zu ändern, und wechseln in das Gebiet der Kritik über, für das es in der Kunst, sieht man von Goya ab, kaum andere Beispiele gibt. Das hier abgebildete Blatt "Landschaft von 1870" ist dafür bezeichnend: Nach dem Ende der Schlacht blickt die Kanone auf ihr Werk. In anderen Blättern ist der Boden mit den Leichen der Gefallenen - oder der von einer barbarischen Kriegstechnik Hingerichteten - übersät. Daumiers Kriegslandschaften sind eigentlich Fotografien. Vergleicht man sie mit den Fotos vom Krimkrieg oder aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, so drängt sich die Feststellung auf, daß Daumier sogar fotografischer arbeitete als die damaligen Kriegsreporter - obwohl er kein Augenzeuge der von ihm dargestellten Kriegsereignisse war.

          Die Kriegsblätter von 1870/71, darunter ein hochst suggestives mit einem schwer träumenden Bismarck und dem Tod, sind politische Kampfblätter: diktiert von Haß auf Preußen und Deutschland und voller Vorahnungen einer ungeheuren kriegstechnischen Bedrohung, die nicht nur über Frankreich kommen wird. Sie sind aber auch Zeugnisse einer sehr komplexen Beziehung zur deutschen Kunst, die Werner Hofmann in dieser brillanten kleinen Studie sichtbar macht.

          Es ist eine Geschichte von Ignoranz - Heinrich Heine nimmt Daumier nicht zur Kenntnis -, und Mißverständnissen. Als ein solches muß man den im übrigen erstaunlichen Einfluß Daumiers auf Spitzweg und dessen armen Poeten bezeichnen. Ein pariserisch gestimmtes Blatt von Daumier, das an Balzac und nicht an die Spitzweg-Welt denken läßt, regte den deutschen Maler zu seinen idyllischen Motiven an. Aber auch in umgekehrter Richtung sind die Berührungen zwischen Daumier und Deutschland staunenswert. Werner Hofmann ist der Ansicht, daß sich Daumier durch Alfred Rethels "Tod als Freund" in der Holzschnittfolge über die Revolution von 1848 zu einer Reihe von Figuren anregen ließ. Rethels Tod, der unbeirrbar seinen Weg zwischen den gefallenen Aufständischen sucht, wird von Daumier dämonisiert, am eindrucksvollsten in der flackernd schwarzen Silhouette des Erfinders des Zündnadelgewehrs, der befriedigt auf sein Werk, das Leichenfeld von Königgrätz, blickt.

          Vielleicht wäre es zu den bedeutendsten Bilderfindungen Daumiers nicht gekommen, wären seine Figuren nicht aufgeladen von der extremen Spannung des Nationalhasses. Der Fall dürfte einzig sein: Die Kreuzung der Anregungen eines deutschen Künstlers und eines zum Äußersten gesteigerten politischen Hasses erzeugt Bilderfindungen, die ohne diese Konstellation wohl kaum entstanden wären.

          Mit Spitzweg und Rethel ist es aber nicht getan. In die Geschichte, die Hofmann erzählt, gehört auch Goethes Mephisto, der auf dem Umweg über Delacroix' Faust-Illustrationen in Daumiers Werk Eingang findet. Das scheinbar abgelegene Thema des Essays von Werner Hofmann führt überraschend ins Zentrum der Kunst Daumiers.

          HENNING RITTER.

          Werner Hofmann: "Daumier und Deutschland". Deutscher Kunstverlag, München, Berlin 2004. 72 S., Abb., br., 12,- [Euro].

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