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: Die Ironie der Gegenwart

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Als er zwölf Jahre alt und mit der Familie gerade von Breslau nach New York geflohen war, neu in einer fremden Umgebung, mit noch unbeholfenem Englisch, kümmerte sich Fritz Stern als "Chef des Familienbudgets" zu Hause um den Haushalt. Er hatte eine Schreibmaschine, mit der er Briefe nach Europa ...

          Als er zwölf Jahre alt und mit der Familie gerade von Breslau nach New York geflohen war, neu in einer fremden Umgebung, mit noch unbeholfenem Englisch, kümmerte sich Fritz Stern als "Chef des Familienbudgets" zu Hause um den Haushalt. Er hatte eine Schreibmaschine, mit der er Briefe nach Europa schrieb. In der beengten Wohnung saß er und tippte; versuchte, stellvertretend für Eltern und Schwester, die schnell Arbeit gefunden hatten, Kontakt zu halten mit den Freunden und Verwandten in der europäischen Heimat. Das war 1938. Ein Jahr später wandte er sich an den New Yorker Bürgermeister Fiorello LaGuardia, den er bat, erneut zu kandidieren. Er dankte Erika Mann für ihr Buch "School for Barbarians" und für das, was sie für "uns Flüchtlinge" getan habe. Ein kleiner ernster Junge, dem das Briefeschreiben ein innerer Antrieb war: "Ich nahm ein Doppelleben an: die deutsche Vergangenheit, stets präsent, stets unheilvoll, und die amerikanische Gegenwart, unmittelbar, unsicher, aber stets verheißungsvoll. Ich lebte - zwangsläufig und aus innerer Neigung - in beiden Welten."

          Heute wundert sich Stern vor allem darüber, dass er die Kopien dieser frühen Briefe aufbewahrt hat. "Das hat sicher damit zu tun, dass es mir schwerfällt, Dinge wegzuwerfen", meint er. "Es verblüfft mich trotzdem. Wie so vieles in meinem Leben, war das unbewusst. Den Kontakt aufrechtzuerhalten, mit Freunden und Familie in Europa, kam mir damals selbstverständlich vor. Rückblickend kann ich sagen, dass der Junge, der ich war, sich doch hätte völlig auf Amerika konzentrieren sollen. Was fiel mir ein, Zeit zu verschwenden, indem ich Briefe schrieb?"

          Der Historiker Fritz Stern allerdings wäre ohne diesen Drang, Verbindungen zu halten und zugleich teilzuhaben am politischen Leben, heute ganz sicher nicht der, der er ist. Vor allem hätte er sein neues Buch nie schreiben können: "Fünf Deutschland und ein Leben", das in weiten Teilen auf privaten Briefquellen beruht. Es ist Sterns eindrucksvolle Autobiographie, die er als Geschichte eines aus der Distanz wahrgenommenen Landes erzählt: Jeder Historiker, sagt er, müsse auch ein Schriftsteller sein. Und so ist das Buch als Versuch zu verstehen, Erinnerung und Geschichte programmatisch miteinander zu verschmelzen. Er wisse natürlich, dass die Erinnerung fehlbar sei und unter den uns allen vertrauten Verzerrungen leide, die einem schmeichelhaften Selbstbild dienen. Er wisse auch, dass es so etwas wie ein ehrliches (und gesundes) Vergessen gebe. Bei allen Mängeln und Verzerrungen aber rufe die Erinnerung das Drama der Vergangenheit wach. Sie verweist zumindest auf einige der Gefühle, mit denen die Fakten verbunden waren.

          Stern beginnt sein Buch mit einer persönlichen Erzählung, die er für seine Kinder geschrieben hat: "Heimkehr 1979". Gemeinsam mit seiner Ehefrau reist er zum ersten Mal wieder in seine Geburtsstadt Breslau, jetzt Wroclaw in Polen. Die Stadt trägt noch immer Spuren der Kriegszerstörungen und zugleich die des tristen sozialistischen Wiederaufbaus. Er erkennt nichts wieder - bis sie ins Stadtzentrum kommen, wo er sich augenblicklich am Backsteinbau des Polizeipräsidiums orientieren kann: In diesem Gebäude hatten SA-Männer Anfang 1933 Ernst Eckstein, einen Freund und Patienten seines Vaters, ermordet; und genau dorthin hatten 1938 seine Mutter und er um acht Uhr morgens den Vater zu "einem Gespräch" begleitet, das der Vorbereitung ihrer Auswanderung diente. Sie finden das Haus seiner Großmutter. Stern macht so viele Fotos, wie er kann; isst im Garten Unmengen von Stachelbeeren.

          In Breslau feierten die Sterns Weihnachten mit Baum, Kringeln und Äpfeln. Sie waren zum Christentum konvertierte Juden. Der Vater, ein anerkannter Arzt, hatte sich mit dem Chemiker Fritz Haber angefreundet, den er zum Taufpaten seines Sohnes machte. Von ihm hat Fritz Stern seinen Vornamen - und überhaupt spielt er in Sterns Werk eine nicht unwesentliche Rolle. Haber war in vielem beispielhaft für seine Zeit: der deutsche Jude, der aus dem Gefühl des Deutschseins heraus zum Protestantismus übertrat; der Wissenschaftler, der im Ersten Weltkrieg sein Wissen und seine Führungsqualitäten dem Dienst am Lande widmete und dabei die fatale neue Giftgas-Waffe erfand; der Patriot, der wie Millionen Deutsche alle Anstrengungen auf den erhofften Sieg richtete und nach der unerwarteten Niederlage sein Leben ändern musste. Sein Leben war so sehr mit Deutschland identifiziert, dass er nach 1933 ein gebrochener Mann war. "Ich war in meinem Leben nie so jüdisch wie jetzt!", schrieb er damals in einem Brief an Einstein. Er starb 1934 im Exil. Für Fritz Stern beschreibt er einen Aspekt der Tragödie des konvertierten deutschen Judentums.

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